Antisemitismus unter Migranten und Flüchtlingen weit verbreitet

Studien widmeten sich bereits dem Thema, wie weit verbreitet Judenhass und antisemitische Verschwörungstheorien unter Zugewanderten sind.

Die Synagoge in Graz wurde beschmiert und ihre Scheiben eingeschlagen – nun wird sie rund um die Uhr bewacht.
© APA

Wien – Der Angriff auf die jüdische Gemeinde in Graz und ihren Präsidenten Elie Rosen hat eine Debatte über Antisemitismus unter Zugewanderten bzw. Flüchtlingen entfacht. Der Angreifer ist ein 31-jähriger Syrer. Sein Motiv: Judenhass.

Integrations- und Kultusministerin Susanne Raab (ÖVP) will nun vertiefende Studien zu Anti­semitismus im Kontext von Migration und Integration in Auftrag geben. Basis sind bereits existierende Untersuchungen zu dem Thema, auf die sich unter anderem auch Raa­b bereits bezogen hat. So gibt es einen Forschungsbericht von Peter Filzmair im Auftrag des Integrationsfonds mit dem Titel „Muslimische Gruppen in Österreich“ unter rund 1000 Personen. Darin stimmten 62 Prozent der Syrer der Aussage zu, dass „Juden zu viel Macht auf der Welt haben“. Auch unter den Türken der ersten Generation ist die Zustimmung zu diesem antisemitischen Klischee mit 61 Prozent hoch. Bereits in der zweiten Generation sinkt der Wert deutlich, trotzdem finden immer noch 46 Prozent, dass „Juden zu viel Macht auf der Welt haben“. Bei den Iranern sind es 18 Prozent.

37 Prozent der Flüchtlinge bejahen die Aussage, dass Israel ein Feind aller Muslime sei, von den Türken sagen dies 35 Prozent und von den Bosniern 29 Prozent. Der Satz werde von allen Gruppen mehrheitlich abgelehnt, wird in der Untersuchung konstatiert. Lediglich sehr gläubige Muslime würden der Aussage zu fast 50 Prozent zustimmen.

Die Studie zeigt aber auch ein anderes Bild. Auf persönlicher Ebene würden sehr viele Befragte antisemitische Aussagen klar ablehnen, heißt es darin. Rund 80 Prozent der Flüchtlinge und 84 bzw. 87 Prozent der Türken sowie Bosnier meinen, dass sie keine Probleme mit jüdischen Nachbarn hätten – jeweils über 60 Prozent der Befragten lehnen die entsprechende Aussage sehr ab.

Auffallend sei, dass der Frage nach Israel die Gruppe der Syrer – neben den Somaliern – am meisten zustimmt, hingegen lehnen sie Iraner stark ab. Bei allen diesen Aussagen sei die negativ zu interpretierende zustimmende Haltung bei der Grupp­e der Flüchtlinge größer. Frauen seien generell etwas zurückhaltender, wie es heißt.

Der Soziologe Kenan Güngör hat 2016 im Rahmen einer Untersuchung in 30 Einrichtungen der städtischen Jugendarbeit in Wien insgesamt 401 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren interviewt. Das Ergebnis sei nicht repräsentativ, denn die Befragten würden eher aus sozial schwächeren Milieu­s stammen. Trotzdem zeigte sich auch hier: Antisemitismus ist weit verbreitet – er wurd­e bei fast der Hälfte der Muslim­e geortet.

Anfang 2018 publizierte der Islamforscher Edna­n Aslan eine Studie, die er im Auftrag der Stadt Graz durchgeführt hatt­e. 288 Menschen aus elf Flüchtlingsunterkünften und einer Sprachschule für Flüchtlinge wurden mündlich befragt. 43,3 Prozent der Befragten gaben an, dass ihrer Ansicht nach Juden an ihrer Verfolgung selbst schuld seien und 44,2 Prozent empfinden die jüdische Religion als schädlich für die Welt. „Diese Menschen haben ein verzerrtes Bild von Juden und Christen.“ Das müsse man mit Veranstaltungen und Maßnahmen gegen Antisemitismus korrigieren, befand Aslan. Das bekräftigte der Religionspädagoge kürzlich erneut in Ö1. Und auch wenn die Studie in Graz durchgeführt wurde, dürften die Ergebnisse in anderen Städten wohl nicht anders ausfallen, meinte Aslan.

Nach den Angriffen in Graz kündigte Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) an, dass die 2018 durchgeführte Antisemitismus-Studie im Auftrag des österreichischen Parlaments in der heurigen Auflage neue Fragestellungen aufnehmen und pointierter formuliert werden soll. (sas)


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