Mit 80 ist die Musik für White zweitrangig

Jack White war Deutschlands Schlagerkönig und eine große Nummer im internationalen Musikgeschäft. Jetzt wird er 80 Jahre alt.

Im Mai 2014 stand Jack White (Mitte) zusammen mit Pascal Silva, Lena Valaitis, Anita und Alexandr­a Hofmann (v. l.) in der TV Show „Das Sommerfest am See“ auf der Bühne.
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Berlin – Sein Büro um die Ecke vom Kurfürstendamm in Berlin ist mit Goldenen Schallplatten tapeziert. Achtung, es herrscht akute Ohrwurmgefahr. Jack White war Deutschlands Schlagerkönig. Seine Gassenhauer wie „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ und „Schöne Maid“ kommen aus den Zeiten, als es nur drei Fernsehprogramme gab. Der Mann, der bürgerlich Horst Nußbaum heißt, ist nicht nur ein Schlagerfuzz­i alten Schlags. Er steckt auch hinter Welthits wie „Glori­a“, „Self Control“ und „When the Rain Begin­s to Fall“.

Jack White zusammen mit seiner Ehefrau Rafaella.
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Keiner hat Hitparade und Hollywood in seinem Leben so verbunden wie Jack White. Am 2. September wird der Produzent, Komponist, Texter und Ex-Profi-Fußballer 80 Jahre alt. Mit 78 ist er in vierter Ehe zum sechsten Mal Vater geworden. Er hat mehr als eine Milliarde Tonträger verkauft und über tausend Lieder selbst geschrieben.

Auf der Liste seiner Künstler: Tony Marshall, Hansi Hinterseer, Roberto Blanco, Vicky Leandro­s, Laura Braniga­n, Paul Ank­a, Engelbert Humperdinck und Tony Christie. David Hasselhoff hat ihm die Mauerfall-Hymne „Looking for Freedom“ zu verdanken, Hugo Egon Balder sein „Erna kommt“.

Wenn Jack White kurz vor seinem 80. auf sein Leben zurückblickt, deutet er immer wieder auf seinen Arm: „Ich bekomm­e eine Gänsehaut!“

Sein Leben: eine deutsche Version der Tellerwäscher-zum-Millionär-Saga. 1940 wird White als Sohn eines Metzgers in Köln geboren. „Wir haben mit unserer Mutter, nachdem der Vater abgehauen ist, 15 Monate auf sechs Quadratmetern zu dritt in einem so genannten Luftschutzbunker gelebt. Mich muss keiner aufklären, wie das Leben auch anders gehen kann.“ Er trägt Brötchen und Zeitungen aus, um die Mutter zu unterstützen. Er lernt Außenhandelskaufmann, macht Dolmetscherdiplome und schließlich eine erste Karriere als Fußballer bis zum niederländischen Erstligisten PSV Eind­hoven. Sein Entdecker: die Fußball-Legende Hennes Weisweiler.

Seine eigentliche Leidenschaft ist die Musik. Auf eine erste Single („Ein paar Tränen“) 1967 folgen 14 weitere Versuche – ohne Erfolg. Der Durchbruch kommt erst, als er die Seiten wechselt und 1969 mit Roberto Blanco und dem Song „Heute so, morgen so“ das Deutsche Schlagerfestival gewinnt. Dann folgt die große Zeit der Hitparade und seiner Evergreens. 1974 komponiert er für die deutschen Fußballer den damaligen WM-Hit „Fußball ist unser Leben“.

Ende der 70er-Jahre dann ein heute nicht mehr so bekanntes Kapitel Schlagergeschichte: Kinderstar Andrea Jürgens singt als kleines Mädchen in „Und dabei liebe ich euch beide“ über die Trennung von Mutti und Vati: „Sag Vati, warum kann ich denn nicht öfter bei dir sein? Warum geht es nur zweimal im Monat?“ Jack White erzählt, dass er heulend im Studio saß. Das Lied, ein „Problemschlager“ über das wahre Leben, geht durch die Decke. „Deutschland ist irre geworden“, erinnert sich White. Bis heut­e sei Jürgens’ Album die erfolgreichste deutsche Weihnachts-Platte.

Was die USA angeht: Nena mag dort mit ihren 99 Luftballons einen Zufallshit gelandet haben, Jack White war eine Hausnummer. „Ich war richtig drüben“, sagt er. Kenn­y Rogers, Stevie Woods, Barry Manilow, Jermaine Jackson – das war seine Liga, zweimal war er ganz oben in den US-Charts. In den 80er-Jahren pendelte er zwischen Deutschland und Los Angeles. Die Adresse dort buchstabiert er: Doheny Drive, zwischen Beverly Hills und Hollywood. Dann kam das Heimweh und er ging nach Hause zurück.

Trennungen und Rosenkrieg, Niederlagen und Enttäuschungen, schlechte Presse: Auch das gab es in Whites Leben. Mit einigen seiner Musiker hat White sich heillos zerstritten. 2007 überwarf er sich mit der von ihm selbst gegründeten Jack White Productions AG. Einer seiner wichtigsten Schützlinge, Hansi Hinterseer, sprang ab. „Meine ganz große Enttäuschung“, sagte der Produzent dazu einmal.

Drei Ehen gingen in die Brüche. Im Jahr 2020 ist Jack White ein später glücklicher Vater. Sein Rollenverständnis ist klassisch: Windeln will er nicht wechseln, kündigte er vor der Geburt an. Er sieht sich als Versorger. Der wichtigste Mensch in seinem Leben? Seine Mutter und sein Freund Heini aus Bundeswehrzeiten. Und natürlich vor allem seine 44 Jahre jüngere Ehefrau Rafaella und Max (1).

Der kleine Sohn ist auch der Grund, warum er bei der Frage nach dem Ruhestand lacht. „Ich bin gerade Vater geworden. Ich habe zum ersten Mal Zeit für ein Kind und genieße die Vaterschaft. Das kann sich kein Mensch vorstellen, was ich für ein­e Freude mit unserem Max habe.“

Aus dem Musikgeschäft hat er sich vor Jahren verabschiedet. Heute interessiert sich Jack White nur noch für die Börse und liest gerne die Zahlen, die ihm seine Hits über die Musikrechte-Verwertung GEMA bringen: „Ich brauche nie wieder zu arbeiten.“ Wenn er auf das Oktoberfest eingeladen wird, freut er sich, seine Hits zu hören. Keiner ahnt, dass sie von ihm sind.

Den Geburtstag will er mit 50 Freunden in einem Stammrestaurant in Berlin feiern, er wünscht sich Kraft und Gesundheit, auch für die Familie. Was das Aussehen angeht: Bei der dunklen Haarfarb­e hilft die Friseurin nach, sonst scheint viel Disziplin in seinem Leben zu stecken. Seine Sport- und Gesundheitstipps hat er einmal akribisch auf zwei Seiten für seine Tochter Gloria festgehalten. Jack Whites Sekretärin schickt sie nach dem Interview per Mail. Ein Auszug: „Niemals rauchen (Todsünde), positiv denken, mit guten Freunden viel lachen, viel frische Luft, immer bei gekipptem Fenster 7–8 Stunden schlafen.“ (dpa)


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