Spaltenbergung auf höchstem Niveau und in allen Varianten am Stubaier Gletscher

40 Bergretter aus Tirol, Südtirol und dem Belluno tauschten im Rahmen eines Interreg-Projektes ihre Erfahrungen am Stubaier Gletscher aus.

Insgesamt bauten die Verantwortlichen fünf Stationen mit fünf Varianten der Spaltenbergung auf.
© Alexander Paschinger

Von Alexander Paschinger

Stubaital – Dauerregen und Kälte: Der Stubaie­r Gletscher zeigte der 40-köpfigen internationalen Gruppe von Bergrettern am Samstag so richtig die nasskalte Schulter. Doch genau das wollten sie: „Wir haben speziell dieses Wetter bestellt“, meinte ein gut gelaunter Landesleiter der Tiroler Bergrettung, Hermann Spiegl, denn das seien oft die Bedingungen, wenn die Bergretter zu Notfällen ausrücken müssen. Schönwetter sei was für die Hubschrauber.

Der Stubaier Gletscher mit seinen Spalten war am Samstag­vormittag Schauplatz einer internationalen Übung
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Es war das Thema Spaltenbergung, das am gestrigen Samstagvormittag auf dem Programm stand. Für Spiegl ist dieses Thema ein ganz persönliches: Am 15. März 1985 stürzte er am Schwarzenstein im Zillertal bei einer Skitour in eine Spalte – 25 Stunden dauerte damals seine Bergung. Rückblickend spricht er von Leichtsinn.

Die Bergrettungsorganisationen stehen in engem Kontakt zueinander. Dazu gehört ein Interreg-Projekt, das zu 85 Prozent von der EU gefördert wird. Rund eine Million Euro wird in verschiedene Entwicklungen der Ausrüstungen investiert. Und die Tiroler haben mit insgesamt sieben Projektpartnern ein neues Dreibein entwickelt, das rasch in ein Zweibein – je nach Erfordernissen bei den Einsätzen – umgebaut werden kann.

Ob Einsatz mit Zweibein (hinten) oder Dreibein (vorne) – es kommt auf die Situation an.
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„Es ist nicht mehr aus Karbon, sondern aus einer Titanlegierung“, erklärt Spiegl die Neuheit des Tiroler Zwei- und Dreibeins, das seit Mai zertifiziert ist. Karbon ist zwar leicht, brach aber auch schnell bei alpinen Einsätzen. Die Kollegen aus Südtirol und dem Belluno hatten ihre Dreibein­e aus Aluminium dabei – und so fand auf mehr als 3000 Metern Seehöhe ein Erfahrungsaustausch auf höchstem Niveau und in allen Varianten statt.

Das Zwei- bzw. Dreibein kommt nicht nur bei komplizierten Bergungen aus Gletscherspalten zum Einsatz. Es wird auch bei Unfällen in Schluchten, Dolinen oder Schächten gebraucht. Bis zu drei Personen oder 300 Kilo trägt das Gerät. In jedem Bezirk mit Gletschern ist so eine Bergehilfe stationiert. Auch in Kramsach und Oetz wurden welche für Spezialeinsätze in Schluchten oder an Baustellen angeschafft.

Die gemeinsame Übung am Samstagvormittag bezeichnet der Tiroler Landesleiter als Erfolg: „Jede der Bergrettungen konnte zeigen, mit welcher Technologie sie arbeitet – und alle haben Interessantes entdeckt.“ Es komme auch nicht so selten vor, dass die Bergretter dies- und jenseits der Grenze bei einem Einsatz zusammenarbeiten. „Das ist gelebter europäischer Gedanke“, so Spiegel. Schon im Juli gab es eine gemeinsame Suchübung am Sattelberg, im September steht dann noch eine Steilwandbergung an den Drei Zinnen an.

Auch Vertreter der beiden Südtiroler Bergrettungsorganisationen beteiligten sich an der Übung.
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Tatsächlich haben die Bergretter heuer in allen Regionen besonders viel zu tun. „Trotz drei Monaten Lockdown wegen Corona hatten wir in Lana heuer bereits gleich viele Einsätze wie im ganzen Vorjahr“, erzählt der Südtiroler Thomas Mair. „In Tirol waren wir allein im Juli 450-mal unterwegs“, erzählt der Tiroler Landesleiter. Insgesamt kommen die 4600 Helfer von 91 Tiroler Ortsstellen auf durchschnittliche 3000 Einsätze pro Jahr.


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