„Coronation“: Brutale Effizienz in endlosen Gängen

Insgesamt 14 mehr oder weniger professionelle Kameraleute haben an „Coronation“ mitgearbeitet und ihre Handykamera genau dort draufgehalten, wo es schmerzt. In den Krankenzimmern, wo Maschinen scheintote Körper am Leben halten, auf Friedhöfen, wo Angehörige die Asche der Verstorbenen in vorgefertigten Urnen überreicht bekommen.

Diese Bilder gingen um die Welt: Wuhan wird von einer Armee von Arbeitern desinfiziert.
© Imago

Innsbruck –Minutenlang läuft der Arzt durch die schier endlosen Krankenhausgänge. Ebenso lang dauert das anschließende Desinfektions-Prozedere, das er täglich über sich ergehen lässt. Kommentarlos. Wie eine Maschine.

In „Coronation“, der seit kurzer Zeit auch in Europa streambaren Corona-Chronik von Starkünstler Ai Weiwei, ist das nur eine von mehreren zähen Abläufen, die der Künstler filmisch durchexerzieren lässt. Die Handykameras treffen auch Meng Liang, einen Bauarbeiter, der mitgeholfen hatte, innerhalb weniger Tage ein Corona-Krankenhaus aus dem Boden zu stampfen. Nun ist er vom Lockdown eingeholt worden: Niemand darf Wuhan verlassen. Monate verbringt Liang im Auto lebend.

Insgesamt 14 mehr oder weniger professionelle Kameraleute haben an „Coronation“ mitgearbeitet und ihre Handykamera genau dort draufgehalten, wo es schmerzt. In den Krankenzimmern, wo Maschinen scheintote Körper am Leben halten, auf Friedhöfen, wo Angehörige die Asche der Verstorbenen in vorgefertigten Urnen überreicht bekommen. China ist brutale Effizienz.

Inmitten dieser unmenschlichen Verhältnisse ist Verzweiflung nicht erlaubt: Das richtige Händewaschen wird tanzend gelehrt, die besorgte Bevölkerung mit guten News gefüttert. Sie lese nur noch Gutes, beruhigt die parteitreue Großmutter ihren filmenden Enkel. Nur mit genügend Gehorsam überstehe das Volk auch das Coronavirus.

„Coronation“ dokumentiert den bizarren Alltag dieses ersten Lockdowns der Pandemie. Kameras dokumentieren persönliche Schicksale, aber auch das, was schlussendlich die ganze Welt betrifft, entlang ausgestorbener Straßen, wo nur noch Fassadenwerbung eifrig flimmert, herrscht große Verunsicherung.

Ai Weiwei dirigierte das morbide Orchester von Großbritannien aus. 2015 hat der wohl bekannteste, aber ebenso umstrittenste chinesische Künstler seiner Heimat den Rücken gekehrt. Gut, dass sein Name jedoch für den Film kaum eine Rolle spielt, anders als in früheren Filmen. Kommentarlos lässt er drauf hinhalten. Daraus ergeben sich auch seltsam schöne Bilder. Auch wenn die dystopische Poesie, die „Coronation“ innewohnt, noch nicht erfasst werden kann. Zu nahe ist die Doku am Leben. (bunt)


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