Doku „Tonsüchtig“: Viel näher dabei als in der ersten Reihe fußfrei

Die Wiener Symphoniker gewähren in der Kino-Doku „Tonsüchtig“ tiefen Einblick in ihren beruflichen Alltag abseits glanzvoller Auftritte.

Ungewohnte Blickwinkel auf die Arbeit der Wiener Symphoniker eröffnet die Doku „Tonsüchtig“, die im Kino angelaufen ist.
© Filmladen

Von Markus Schramek

Wien, Innsbruck – Als Gast eines Orchesterkonzerts hat man nicht viel zu tun: den richtigen Sitzplatz ansteuern, die Ohren spitzen und bloß nicht einnicken! Man verpasst sonst das Ergebnis harter kollektiver Arbeit auf Basis von Schlag-, Blas- und Streichinstrumenten.

Eindrücklich anzusehen ist das beim Filmemacher-Duo Iva Svarcová und Malte Ludin. Die beiden widmen den Wiener Symphonikern eine 90-Minuten-Doku, die mehr als eine Ahnung davon vermittelt, welch Wechselbad der Sentiments so ein Leben als Profi-Musiker sein kann.

Der rauschhafte Zustand symphonischen Musizierens auf Topniveau kontrastiert schmerzhaft mit Lampenfieber und Versagensangst. Beim Vorspielen um vakant gewordene Stellen (verdeckt durch einen Paravent und somit unsichtbar für die gestrenge Jury) klingt jeder Mitbewerber mit einem Mal um Welten besser als man selbst.

Die Kamera begleitet die Symphoniker unaufdringlich, fast wie ein Ensemblemitglied: bei Lockerungsübungen, beim Fachsimpeln und Proben und auch dann, wenn Klartext gesprochen wird.

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Solocellist Michael Vogt wird von Frau und halbwüchsiger Tochter zur Rede gestellt. Die Familie fühlt sich vernachlässigt, der Cellist scheint mit seinem Instrument quasi „verheiratet“.

Entwaffnend offen berichtet ein Ex-Hornist darüber, wie er in eine Schaffenskris­e geriet und den Ton nicht mehr traf. Als Orchesterwart trägt er nun für die Aufbewahrung der Instrumente Sorge. Das Musizieren muss er den Kollegen überlassen.

Ein amouröser Seitenblick darf nicht fehlen. Im Orchester hat sich ein junges Paar gefunden. Beim launigen Talk in den Wiener Weinbergen trinkt es artig Wasser und scherzt über die schüchternen Anfänge seiner Beziehun­g.

Weil Konzertmeister Floria­n Zwiauer in den Ruhestand tritt, muss ein Nachfolger her für diese wichtige Brückenfunktion zwischen Musikern und Dirigent. Die deutsche Geigerin Sophie Heinrich setzt sich unter einem Dutzend Bewerbern durch. Ihr Spiel bei Beethovens 5. Symphonie überzeugt das Kollegium, das sie in geheimer Abstimmung zur neuen Konzertmeisterin wählt. Somit gibt nun eine Frau beim Traditionsorchester den Ton an.

Heinrich kommt, Symphoniker-Chefdirigent Philippe Jordan zieht hingegen ein paar Häuser weiter – vom Wiener Konzerthaus in die Staatsoper, wo er als neuer Musikdirektor fungiert. Der Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada folgt Jordan am Pult der Symphoniker nach.

Schlussakkord: So nah wie in dieser nie langweiligen, weil durch und durch menschelnden Doku wird man einem der bekanntesten Orchester der Welt selbst dann nicht kommen, wenn man beim Konzert in Reihe 1, Mitt­e, fußfrei Platz nimmt.


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