Zillertaler Steudltenn-Festival: Kränkungen in Zeiten der Seuche

Das Steudltenn-Theater untersucht mit „Hausverstand und Eigenverantwortung“ die Rat- und Haltlosigkeiten einer abgetauchten Gesellschaft.

Stefanie Früholz in „Zwischenangst“, einem Bühnenmonolog der jungen Innsbrucker Autorin Sarah Milena Rendel.
© Leitner

Uderns – Der Schlussapplaus fiel aus. Obwohl er angebracht gewesen wäre. Am Donnerstagabend hatte das Stationentheater „Der Hausverstand und der Eigensinn“ beim Zillertaler Steudltenn-Festival Premiere. In fünf von Regisseur Klaus Rohrmoser zu einem Stück verknüpften Monodramen wurden Shutdown-Zustände ausgeleuchtet: Existenzsorgen, Einsamkeit, die Rat- und die Haltlosigkeit einer abgetauchten Gesellschaft.

Der Abend ist schön – und stimmig. Und trotzdem etwas disparat. Auch wegen der sehr engen zeitlichen Taktung. Vieles, was verhandelt, verkörpert, was einem sprichwörtlich nahegebracht wird, will nachklingen. Manches ausgeistern. Stefanie Früholz’ Verzweiflung in Sarah Milena Rendels „Zwischenangst“ zum Beispiel. Und wie sie ein Krankenbett zum Wirkraum für gedankliche und körperliche Verrenkungen macht. Oder Jasmin Mairhofers Verschwörungsgefasel, ihr konspiratives Fauchen. Ein Raubtier im Käfig. Das überzeugt, obwohl Uli Brées Text die Abgründe des gängigen QAnon-Geschwurbels nur andeutet.

Der in seiner Diktion anspruchsvollste – weil mitunter in indirekter Rede gehaltene – und poetischste Text ist Sophie Reyers „Isolation“. Judith Keller erweckt ihn als anrührenden Taumel zwischen Übermut und tiefer Erschöpfung im Home-Office zum Leben.

Für Edwin Hochmuth hat Steudltenn-Leiter Hakon Hirzenberger einen Erdbeerbauern ersonnen, der sein Gewissen entdeckt. Es geht um die Ungerechtigkeiten, die durch Corona sichtbarer wurden. Der Text ist nicht frei von Pathos. Doch Hochmuth erdet die Erklärung bester Absichten mit leiser Ironie. Da weiß einer um die Dringlichkeit seiner Worte – und zweifelt doch an ihnen.

Den Monolog „Gemischter Satz“ hat Regisseur Rohrmoser Francesco Cirolini auf den Leib geschrieben. Und Cirolini hat ihn sich einverleibt. Er spielt leise, ohne Firlefanz – und fragt sich und mit sich das in Gruppen bis zu fünf Personen durchs Stück geführte Publikum, was mit dem „Ich“ passiert, wenn sich alle dieselben Erfahrungen zu eigen machen müssen. Auch über diese Corona-Kränkung will in Ruhe nachgedacht werden. Weil der Schlussapplaus sicherheitshalber ausfiel, fand sich wenigstens dafür ausreichend Zeit. (jole)


Kommentieren


Schlagworte