Österreich

Kluge Berater — und solche „von der Stange“ bei Hof und im Kanzleramt

Der Wiener Ballhausplatz mit dem Bundeskanzleramt: Zentrum der politischen Macht in Österreich, Zentrum der Berater.
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In den vergangenen 300 Jahren saßen viele Einflüsterer bei Hof und im Kanzleramt. Ein neues Buch stellt sie vor. Die Sympathien sind klar verteilt.

Von Wolfgang Sablatnig

Wien — Die „grauen Eminenzen" haben sich gewandelt: „Heute sind die Ministersekretäre einander sehr viel ähnlicher als früher", stellt Manfred Matzka fest. „Irgendwie wirken sie, als ob sie von der Stange wären: ähnliches Alter, selbe Sprache, absolute Orientierung nur auf den Chef."

Matzka muss es wissen — sagt er selbst. Er blickt zurück auf 40 Jahre im Staatsdienst, davon 35 in Ministerien und im Kanzleramt. Er galt als Inbegriff eines mächtigen Sektionschefs und „diente" — so schreibt er — sieben Bundeskanzlern und acht Ministern. Seinen Ruhestand hat er 2019 unterbrochen, um Übergangskanzlerin Brigitte Bierlein als Berater zur Seite zu stehen. Am 14. September erscheint sein neues Buch über seinesgleichen: „Hofräte, Einflüsterer, Spin-Doktoren".

„Ich habe mich immer für das Verhältnis zwischen denen an der Spitze und denen interessiert, die dahinterstehen", erzählt Matzka. „Vor allem habe ich aufräumen wollen mit der Mär, dass da vorne jemand steht, der von seinen Mitarbeitern gegängelt wird."

Matzka will das Bild seines Berufsstandes zurechtrücken. „Es ist mir eigentlich egal, wer unter mir Minister ist", ist ein gern gebrauchtes Bonmot, das den „grauen Eminenzen" in den Mund gelegt wird. Aber es ist falsch, meint der Autor. Kein tatsächlich einflussreicher Beamter würde das von sich behaupten. Und vor allem würde kein Minister das dulden.

Der Sektionschef in Ruhe spannt seinen Bogen über 300 Jahre. Johann Christoph von Bartenstein kam 1715 an den Wiener Hof und sollte hier drei Herrschern dienen: Karl VI., dessen Tochter Maria Theresia und schließlich Joseph II. Er machte sich verdient darum, die Anerkennung Maria Theresias — einer Frau! — durch die anderen internationalen Mächte sicherzustellen. Er war es auch, der die Heirat Maria Theresias mit Franz Stephan von Lothringen möglich machte. Der musste Lothringen dafür gegen die Toskana tauschen, was ihm nicht behagte. Bartenstein war unerbittlich: „Keine Abtretung, keine Erzherzogin!"

Im frühen 19. Jahrhundert zog Friedrich von Gentz beim Wiener Kongress die Fäden bei der Neuordnung Europas. Er war unentbehrlich für Kanzler Metternich, der vorne stand. Matzka: „Er (Gentz) ist der geniale Fleißige, Metternich der geniale Faule."

Über die Porträts weiterer Männer — und nur einer Frau, Erzherzogin Sophie, der Mutter von Kaiser Franz Joseph — gelangt das Buch ins 20. Jahrhundert.

Buchtipp

Manfred Matzka: Hofräte. Einflüsterer, Spin-Doktoren. 300 Jahre graue Eminenzen am Ballhausplatz. Brandstätter Verlag, 258 Seiten, 28 Euro.

Matzka würdigt Hans Kelsens Grundlagen für das Verständnis von Staat und Recht. Er schreibt, wie Robert Hecht im Auftrag von Engelbert Dollfuß dazu beitrug, die Demokratie in Österreich zu Grabe zu tragen, und später selbst am Nazi-Terror zu Grunde ging. Er erzählt, wie der Handelsrechtler Walther Kastner in Diensten des NS-Regimes ab 1938 an „Arisierungen" jüdischer Unternehmen beteiligt war und nach 1945 im Dienst eines ÖVP-Ministers die Restituierung derselben Firmen administrierte.

Spätestens bei der „Republik der Sekretäre" unter den Kanzlern Josef Klaus (ÖVP) und Bruno Kreisky (SPÖ) spürt der Leser, wie der Autor die Entwicklung der letzten Jahrzehnte und Jahre einschätzt: „Es haben die Verwaltungsprofis an Einfluss und Bedeutung verloren. Damit hat sich auch das strikte Rechtsstaatsprinzip, das in Österreich so charakteristisch ist, bis zu einem gewissen Grad aufgelöst. Gestiegen ist der Einfluss derer, die das Produkt verkaufen." Statt über Gesetze und Verordnungen werde — siehe die Corona-Krise —Politik über Pressekonferenzen gemacht.

Neu sind die Berater, die Matzka für austauschbar hält. Verloren gingen Vielfalt und Buntheit — und damit auch Wissen, davon ist der frühere Beamte überzeugt.

Dabei sage gerade die Qualität der Berater viel über die Qualität der Chefs aus. „Ein kluger Chef holt sich kluge Berater, die ihm selbst gefährlich werden könnten", so Matzka — und erinnert an Berater, die später selber Minister wurden.

Der Autor klärt übrigens auch darüber auf, wo der Ausdruck „graue Eminenz" seinen Ursprung hat: im 17. Jahrhundert, bei Père Joseph, und der Farbe von dessen Kutte. Der Kapuziner war der Beichtvater und Berater von Kardinal Richelieu, der unter König Ludwig XIII. die bestimmende Figur der französischen Politik war.