Schweizer Künstler Roman Signer: Von einer Skulptur in die andere

Kein Sprengkünstler, aber Bilderhauer: Roman Signers Arbeiten sind aufsehenerregend einzigartig. Der 82-jährige Schweizer Künstler über falsche Zuschreibungen, unverstandene Kunst und den ganz großen Knall.

Schon 2014 und 2017 (im Bild: „Kreissprengung“) realisierte Signer im Rahmen von Transart künstlerische Aktionen in der Landschaft.
© Khuen-Belasi

Ihre Intervention für das Festival Transart in Südtirol betiteln Sie mit dem simplen „Luft“, was darf sich das Publikum erwarten?

Roman Signer: Es gibt eine Aktionsserie mit Hubschrauber. Es geht um Luft, besser um Wind. Insgesamt wird es vier Arbeiten zu sehen geben: Als Erstes wird ein mit Beton gefülltes Kajak vom Hubschrauber abgeworfen. In meiner Vorstellung bleibt es mit der Spitze in der Wiese stecken – ob das funktioniert, ist aber ungewiss. Dann geht es weiter zu einem Kreis aus Fahnen, die vom Hubschrauber in aufgeregte Bewegung gebracht werden. Als Nächstes fliegt der Hubschrauber in einen Kreis aus Platten, die er mit seiner Kraft umstürzt. Am Schluss wird der Wind noch Industriefässer einen Abhang kullern lassen.

Nicht das erste Mal, dass Sie mit einem Hubschrauber arbeiten.

Signer: Stimmt. Auch bei Transart schon. Das erste Mal übrigens 1984. In der Schweiz wäre das heute gar nicht möglich. Alles verboten! Vor 20 Jahren war das noch kein Problem.

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Eine Genehmigung für eine Sprengung im Namen der Kunst vergibt man als Behörde wahrscheinlich auch nicht so oft.

Signer: Nicht nur in der Schweiz bin ich ja längst als „Sprengkünstler“ bekannt. Wie hat man mich noch genannt, „Knallkünstler“? Dabei mache ich eigentlich so viel mehr, Filme, Installationen.

Sie bezeichnen sich am liebsten als Bildhauer.

Signer: Ich bin ja auch Bildhauer. Ich zeige eben eine Skulptur oder eine Installation und dann löse ich etwas aus. Etwas verändert sich. Die Zuseher sehen folglich die Transformation von einer Skulptur in eine andere. Ich werde oft falsch verstanden, nicht das Spektakel, nicht der große Knall steht im Zentrum.

Haben Sie aufgrund der Vorwürfe schon mal an Ihrer künstlerischen Herangehensweise gezweifelt?

Signer: Inzwischen mache ich ja vor Publikum kaum mehr Aktionen mit Sprengungen. Nur für mich privat, für meine Filme. Auch weil mich immer noch diese Auslösungsmöglichkeiten interessieren. Mit elektronischen oder pyrotechnischen Zündern kann man schließlich Zeit strukturieren. Man kann etwas simultan schalten oder nacheinander, eine Abfolge entsteht. Eine Art Zündung gibt es aber auch, wenn etwas fallengelassen wird oder etwas aufsteigt. Das Material wird in Bewegung versetzt.

Wie reagieren Sie, wenn Ihnen das pure Interesse am Spektakel vorgeworfen wird?

Signer: Deshalb habe ich an den Sprengungen etwas die Lust verloren. Das Wort „Spektakel“ macht mich etwas unglücklich. Im deutschen Sprachgebrauch ist es sehr negativ konnotiert. Im Französischen oder Italienischen aber eigentlich nicht, „Spettacolo“ ist auch Theater, etwas passiert. Ebenso unzufrieden bin ich mit dem Begriff „Performance“, weil mir das zu durchchoreographiert erscheint. Ich bin kein Performer. Bei mir dreht sich alles um den kurzen Auslöser. Deshalb verwende ich für meine Arbeiten den Terminus „Aktion“. Früher haben mich die Leute auch dafür ausgelacht, weil sie damit lediglich den Wiener Aktionismus verbanden. Der war in den Achtzigern natürlich schon lange vorbei. Einigen wir uns vielleicht auf den Begriff „Ereignis“, der gefällt mir. Ein kleines Ereignis.

Ihre Arbeiten nennen Sie „Zeitskulpturen“.

Signer: Ja, sie haben schließlich alle etwas mit der Zeit zu tun. Es ist der Ablauf, der mich interessiert. Funktioniert dieser nicht so, wie ich es mir vorstelle, schmerzt mich das auch. Nicht allzu viel wird dem Zufall überlassen. Es steckt ein fixes Konzept dahinter und stets auch so viel Vorbereitung.

Künstler Roman Signer.
© imago

Was spielt der Humor in Ihren Arbeiten für eine Rolle? Wo Platten umfallen und Explosionen den Maler erschrecken, denkt man schnell an Slapstick.

Signer: Der Humor dringt ein, auch wenn ich das gar nicht impliziere. Ich bin über die Reaktionen des Publikums sowieso immer überrascht.

Ihre Arbeit in einem Chemnitzer Schlosspark fiel vor Kurzem ein paar Randalierern zum Opfer.

Signer: Dabei ist es so eine ruhige Arbeit. Aber sie zieht Aggression auf sich. Kunst im öffentlichen Raum ist immer heikel, sie ist dort nicht mehr in der schützenden Oase wie im Museum. Sie regt auf. In St. Gallen gab es sogar einmal eine Petition gegen eine Arbeit von mir im öffentlichen Raum. Die Politik war glücklicherweise auf meiner Seite. Kunst in der Landschaft ist auch deshalb spannend, weil man ihr nicht entgeht. Ich habe die Arbeit in Chemnitz ja bewusst nicht als Aktion geplant, sondern als Installation. Ein Auto, ein alter Skoda, wurde in einem See versenkt, die Scheinwerfer leuchten noch aus dem Wasser heraus. Das Ganze wäre als Aktion vorstellbar – ein Auto, das von der Brücke abgeseilt wird und dann langsam untergeht. Technisch gesehen war das in Chemnitz aber nicht möglich. Das Auto wurde also per Kran auf ein Floß aus Industriefässern gelegt und dann langsam ins Wasser gelassen. Das war nicht ungefährlich. Und vor allem für die Feuerwehr eine große Herausforderung. Später kam der Kommandant übrigens vorbei, um mir zu danken. Das Installieren der Arbeit wäre für sie eine wertvolle Übung gewesen.

Die Arbeit wirkt derart real, dass es Anrufe bei der Polizei gab.

Signer: Ja, Vorbeischlendernde glaubten wirklich, das Auto wäre gerade gesunken, und gaben bei der Polizei an, sie hätten Tote im Auto gesehen. Natürlich zeichnet sich Feuchtigkeit auf den Scheiben ab, deshalb glaubten die Menschen vielleicht, etwas zu sehen. Inzwischen wurde ein Schild angebracht, wo draufsteht, „Rufen Sie bitte nicht an, das ist ein Kunstprojekt“. Wir haben ja zuerst schon über Humor gesprochen.

Im Mai wurden Sie 82 Jahre alt, denkt man da auch mal ans Aufhören?

Signer: Ich habe eigentlich noch so vieles im Kopf, das ich umsetzen möchte. Bei mir steht jetzt im September einiges an, Ausstellungen in Chur und Hamburg. Danach muss ich aber einen Monat Pause einlegen, bevor es wieder ins Atelier geht. Da kommen mir dann wieder die Ideen.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner

20 Jahre Transart – 20 Jahre Festival für zeitgenössische Kultur

Festival. Das multidisziplinäre Festival wurde 2001 von Peter-Paul Kainrath, der damals die Klangspuren Schwaz leitete, gegründet. Besondere Veranstaltungsorte unterstützen den experimentellen Festivalcharakter: Transart bespielte schon Industriehallen, Kasernen oder Schutzhütten in ganz Südtirol.

Programm. Das Jubiläum geht heuer mit besonderem Sicherheitskonzept über die Bühne. Die Eröffnung (10.9.) wird in drei Teilen auf zwei Stockwerken abgehalten; mit Georg Friedrich Haas und Klangforum Wien, Doris Uhlich und Dorian Concept. Auch Wiener Avantgardepop von 5K HD (10.9.) oder das Duo Anger (17.9.) stehen u. a. auf dem Programm. In „Filomena – Bocaccio Reloaded“ (10.–4.9.) befragen acht Autoren die aktuelle (Corona-)Situation.

Roman Signer. 1938 in Appenzell geboren. Signer gehört mit seinen Beteiligungen an der documenta (1987) und an der Biennale in Venedig (1999) zu den bedeutendsten europäischen Künstlern. Die Aktion „Luft“ findet am 13.9. am Ritten statt, mit anschließendem Künstlergespräch.

Alle Infos: www.transart.it


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