Landespreis für Kunst an Hundegger: Den Wörtern in Taten nachdenken

Die Dichterin Barbara Hundegger erhält Anfang Oktober den Landespreis für Kunst 2020. Die Bekanntgabe, dass der mit 14.000 Euro dotierte Preis heuer an die 1963 in Hall geborene und in Innsbruck lebende Dichterin geht, verkam Ende Juni zur Fußnote einer Virus-Wasserstandsmeldung.

Barbara Hundegger zählt zu den herausragenden Lyrikerinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
© Aichner

Innsbruck – In ihrer jüngsten Buchveröffentlichung „[anich.atmosphären.atlas]“ vermisst Barbara Hundegger ein menschliches Leben – das des Kartographen Peter Anich – und ein Kapitel Tiroler Wissenschaftsgeschichte. Vor allem aber denkt sie er- und aufzählend über die Bedingungen von Erzählen und Aufzählen nach, über das Auswählen und die Herrschaftsverhältnisse, die jeder Auswahl eingeschrieben sind. Im Mai dieses Jahres setzte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung „[anich.atmosphären.atlas]“ auf ihre Empfehlungsliste der herausragenden Lyrik-Neuerscheinungen des Jahres. Die gerade fürs lyrisch Leise überlebenswichtige, weil öffentlichkeitswirksame Präsentation der Bestenliste bei der Leipziger Buchmesse fiel heuer allerdings aus.

Und auch die fraglos verdiente Auszeichnung Barbara Hundeggers mit dem Tiroler Landespreis für Kunst 2020 hielt sich an Corona nicht ganz schadlos. Schon die Bekanntgabe, dass der mit 14.000 Euro dotierte Preis heuer an die 1963 in Hall geborene und in Innsbruck lebende Dichterin geht, verkam Ende Juni zur Fußnote einer Virus-Wasserstandsmeldung. Den Festakt zur Verleihung verhindert der Infektionsschutz. Geplant ist eine nicht öffentliche Vergabe im kleinsten Kreis am 5. Oktober.

Zuerkannt wird der Landespreis auf Empfehlung einer vom Kulturbeirat zusammengestellten Jury. Diese würdigte nicht nur Hundeggers literarisches Schaffen – sie zählt seit den 1990er-Jahren zu den herausragenden Lyrikerinnen des deutschen Sprachraums –, sondern auch das gesellschaftspolitische Engagement der Autorin, die sich „mit klarer Sprache zu feministischer Haltung“ bekenne.

Tatsächlich lässt sich das Poetische und das Politische im Leben wie in den Arbeiten Barbara Hundeggers nicht trennen. Es gibt kein schöngeistiges „L’art pour l’art“, aber auch keine gut gemeinten Erbauungs- oder plumpe Empörungsgedichte und auch kein doktorales Fachsimpeln im Biotop der Theorie. Selbst Hundeggers Zorn, über breitbeinige Bonzen, über männliche Macht und deren Missbrauch zum Beispiel, ist auch eine Befragung des Zornes selbst. Kurzum: Hundeggers Gedichte und Bühnentexte sind immer auch Sprach- und damit Gesellschaftsanalyse. Floskeln werden zerlegt. Formen und Formeln befragt: Was wird da ausgedrückt? Was setzen die Phrasen voraus? Was bestätigen sie, unbedacht oder absichtsvoll? Was wird behauptet und was durchs Behaupten enthauptet, also ausgelöscht? „denkst du den wörtern in dingen, stimmen, stillen, in taten nach“, heißt es beinahe programmatisch in ihrem 2009 erschienenen Band „schreibennichtschreiben“. Nachvollziehen konnte man diesen Prozess der Weltzustandskritik bereits in „rom sehen und“ (2006): berichtende Gedichte aus der ewig heutigen Stadt, Montagen aus und Demontagen von Wirklichkeitsfragmenten und Wahrnehmungsfetzen, Dichtung, die es sich nie einfach macht – und sich nicht so schnell zufriedengibt. Das macht Barbara Hundeggers Literatur zur herausfordernden und beglückenden Erfahrung. (jole)

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