Literaturnobelpreisträgerin Alexijewitsch: Schutzschild um eine kritische Stimme

Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zählt zu den vehementesten Kritikern des belarussischen Präsidenten. Sie steht auf Lukaschenkos Zugriffsliste.

Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zählt zu den vehementesten Kritikern des belarussischen Präsidenten Lukaschenko.
© Imago

Minsk – Am Mittwoch dieser Woche standen maskierte Männer vor der Tür von Swetlana Alexijewitschs Minsker Wohnung. Auch Alexijewitsch sollte verhaftet werden. Wenig­e Tage davor war die belarussische Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa zunächst von Unbekannten verschleppt – und nach dem gescheiterten Versuch, sie in die Ukraine abzuschieben, inhaftiert worden. Auch der Anwalt Maxim Snak wurde inzwischen festgesetzt. Maskierte Männer in Zivil sollen ihn aufgegriffen und in einem Kleinbus an einen bislang unbekannten Ort gebracht haben, berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Seither steht Swetlana Alexijewitsch, der 2015 „für ihr vielstimmiges Wer, das dem Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“, der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde, ganz oben auf der Zugriffsliste namhafter Kritiker des bela­russischen Langzeit-Präsidenten Alexander Lukaschenko. Die 72-jährige ist das letzte Führungsmitglied des oppositionellen Koordinations­rates in Freiheit. „Von meinen Freunden und Gleichgesinnten im Präsidium des Rates ist kein Einziger mehr übrig“, schreibt Alexijewitsch in einer nun veröffentlichten Erklärung. „Zuerst wurd­e uns das Land genommen, nun werden die Besten von uns entführt. Aber an der Stelle jener, die aus unseren Reihen gerissen werden, werden Hunderte von anderen kommen“, heißt es in dem Text, der mit „Da klingelt wieder ein Unbekannter an der Tür ...“ endet.

Mehrere europäische Diplomaten, darunter auch Österreichs Botschafterin in Belarus, Aloisa Wörgetter, haben sich am Mittwoch in Alexijewitschs Wohnung eingefunden. Die Schriftstellerin sei nie alleine in der Wohnung, teilen sie mit.

Bereits vor Monaten hatte Alexijewitsch den autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko nach dessen mehr als fragwürdiger Wiederwahl zum Rücktritt aufgefordert. Vor Journalisten, denen Swetlana Alexijewitsch nur zögernd die Wohnungstüre öffnete, bezeichnete die Literaturnobelpreisträgerin das Vorgehen der Regierung als „Terror gegen das eigene Volk“. Die Machthaber müssten mit der Opposition reden, „sonst gerät der Protest in den Untergrund – und wir kriegen nichts außer Bürgerkrieg“. (jol­e, APA)

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