Erste Burgtheater-Premiere unter Corona-Bedingungen

Mit viel Applaus ist am Freitagabend die erste Burgtheater-Premiere unter Corona-Bedingungen zu Ende gegangen. Direktor Martin Kusej inszenierte Calderons „Das Leben ein Traum“ als über dreistündige düstere Auseinandersetzung über das Verhältnis von Traum und Wirklichkeit, die Versuchung der Macht und die Natur des Menschen, die ihn vom Tier kaum unterscheidet.

Der lange, intensive Schlussapplaus hatte nicht nur etwas Anerkennendes, sondern auch etwas von gegenseitigem Zuspruch. Nur Mut! Denn wenn in Calderons „Das Leben ein Traum“ Fragen von Traum und Wirklichkeit verhandelt wurden, wünschten sich wohl nicht wenige, es möge bald ein Erwachen geben und sich die herrschenden Rahmenbedingungen als böser Traum herausstellen.

691 Besucherinnen und Besucher waren nach Angaben des Burgtheaters zu dieser ersten Premiere der Saison gekommen - eigentlich erschreckend bei einem Haus mit 1.175 Sitzplätzen und dennoch dank eines „dynamischen Saalplans“ und weniger strengeren österreichischen Anti-Corona-Maßnahmen deutlich mehr als derzeit an vergleichbaren Bühnen in Deutschland. Doch angesichts stark steigender Infektionszahlen machte sich das Gefühl breit, dass der optimistische Spielzeitstart vielleicht nur ein Strohfeuer sein könnte. Bereits ab 1. Oktober müssen die Masken, so die Corona-Ampel weiter auf gelb steht, auch während der Vorstellung aufbehalten werden. Vorläufig wird per Tonband nur die Empfehlung dazu ausgesprochen. Springt die Ampel auf Orange, beträgt die ab Montag bei 1.500 Besuchern liegende Obergrenze bei 250 - ein finanzieller und logistischer Super-GAU.

Viel Optimismus hat freilich auch die Inszenierung von Direktor Martin Kusej nicht zu bieten - kein Wunder angesichts eines Stücks, in dem ein Vater seinen eigenen Sohn wegsperren und wie ein Tier behandeln lässt, bloß weil dieser unter schlechten Sternen geboren war und der König und Hobby-Astrologe eine Tyrannenherrschaft des Prinzen befürchtet. Norman Hacker als Polenkönig Basilius und Franz Pätzold als Königssohn Sigismund gestalten diese zentrale Auseinandersetzung eindrucksvoll. Ihnen gelingt - zumal in ihren langen, die philosophischen Hintergründe ihrer Figuren ausbreitenden Monologen - auch das Kunststück, die altertümlichen Verse (die manchmal durch geradezu flapsig wirkende heutige Begriffe und Wendungen ergänzt werden) zum Schwingen zu bringen. Jene Momente, in denen Kusej der Sprache Raum gibt und alles andere wegblendet (auch mitunter auch alles störende Licht ausknipst), zählen zu den stärksten der Inszenierung, die mit ihren dreieinviertel Stunden vor allem nach der Pause auch manche Längen aufweist.

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Wie schon im November bei der „Hermannschlacht“, seiner ersten Inszenierung als Burgtheater-Direktor, setzt Kusej auch diesmal auf einen düsteren Rätselraum. Durfte man damals bei Martin Zehetgrubers Bühnenlösung darüber streiten, ob Panzersperren oder Wolkenbrecher den Schauspielern im Weg standen, so hat Annette Murschetz nun eine von oben kommende Steinlawine auf die Bühne geleert, bei der man sich im Verlaufe des Abends dazu entschließt, sie für Briketts im Kohlenkeller zu halten. Dank Drehbühne gibt es noch einen zweiten, ebenfalls nicht eindeutigen Raum: ein Zimmer mit gekippten, einsturzgefährdeten Wänden dient als Mischung aus Verlies, Thron- und Seziersaal. Zu dem starken und Unheil verkündenden Soundteppich von Bert Wrede inszeniert Kusej immer wieder mit Schnapp-Blende-Geräuschen getrennte kurze Schlaglichter, die das Kreatürliche des Leidens des jungen Sigismund betonen. Was ist Mensch - was ist Tier? Diese Frage wird von vielen Seiten beleuchtet.

Im Fall von Sigismund ist die Antwort nicht frei von Überraschungen: Der soeben seinem Kaspar Hauser-Schicksal entronnene Prinz akzeptiert die ihm unvermittelt überbrachten Neuigkeiten, er sei eigentlich ein Königssohn und könne ab sofort nach Belieben schalten und walten, recht umstandslos und ergreift die sich ihm bietende Chance sofort: Wer ihm widerspricht, wird erwürgt, den Frauen geht er direkt an die Wäsche. Die blasierte Hofgesellschaft rund um Astolf (Johannes Zirner) und Estrella (Andrea Wenzl) macht da keine gute Figur, und auch für die ganze, ablenkende und verwirrende Nebenhandlung rund um Clotald (Roland Koch) und seine Tochter Rosaura (Julia Riedler) hat Kusej keine wirklich überzeugenden Lösungen gefunden. Ein paar Lacher wirken da gelegentlich befreiend. Was man für wunderschöne Facetten aus einer Nebenfigur holen kann, beweist dagegen einmal mehr Tim Werths als Rosauras Diener Clarin.

Sigismund nutzt seine zweite Chance. Als ein Bürgerkrieg - Videoprojektionen vermitteln an diesem 11. September ein Bild der Zerstörung, das wie eine Reminiszenz an 9/11 erinnert - den vom Vater erneut eingesperrten Sohn befreit und er als vom Volk eingesetzter Herrscher nun Rache nehmen könnte, bezähmt er seine Unnatur und lässt im letzten Augenblick Milde walten. Das entspricht freilich weniger Einsicht als Vorsicht, wie Pätzold deutlich zeigt: Man weiß ja nie, wann man aufwachen und welche Verbündete man dann noch brauchen könnte. Es geht um Macht und nicht um Ethik.

Das Ende stammt dann nicht von Calderon, sondern von Pasolini. Auf dem Kohlenhaufen liegt Rosaura und spricht einen Text aus Pasolinis Drama „Calderón“. Der Schlusssatz lautet: „Ihr seid frei!“ Schön wär‘s.

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