Klangspuren-Konzert in Innsbruck: Experiment wider die Hörgewohnheit

Schrill und schräg: das Ensemble Phace mit Pierluigi Billones Komposition „Face Dia.De“ beim Klangspuren-Konzert in Innsbruck.

Musikalischer Grenzgang. Sängerin Anna Clare Hauf (l.) und das Ensemble Phace unter Dirigent Johannes Kalitzke.
© Klangspuren

Innsbruck – Maskenpflicht auch während des Konzerts – der Corona-Herbst wirft schon ominöse Schatten.

Derartig teilbedeckt kann man in Gesichtern schwer lesen. Vermutlich dürfte beim Konzert des österreichischen Instrumentalensembles Phace, verstärkt durch die Sängerinnen Anna Clare Hauf und Annette Schönmüller, am Samstag im Haus der Musik so mancher Zuhörermund aber verblüfft offen gestanden sein.

Musiker und Gesangsduo tauchen bei ihrem Klangspuren-Gastspiel tief ein in das grenzenlose Spektrum neuer Musik. Als Besucher ist man da ebenfalls gefordert. Die eigene Hörgewohnheit hilft nicht weiter, sie ist bloß hinderliche Reminiszenz. Auf moderne Musik dieser Stilrichtung muss man sich einlassen. Wohlklang findet anderswo statt, hier nimmt ein Grenzgang von Instrumenten und Stimmen seinen Lauf.

Einem wahrer Parforceritt

Pierluigi Billone hat mit „Face Dia.De“ das Werk des Abends komponiert. Es ist die Fortsetzung einer 2016 unter dem Titel „Face“ begonnenen Zusammenarbeit mit dem Ensemble Phace.

Dirigent Johannes Kalitzke geleitet acht Solomusiker und zwei Mezzosopranistinnen in einem wahren Parforceritt durch 70 Minuten Sound-, Klang- und Stimmexperiment. Instrumente werden neu definiert und ausgelotet, der Konzertflügel mit Hämmerchen bearbeitet, Kontrabass und Cello mit Schlägel statt Bogen. Zwei Schlagwerker sorgen für ein effektvolles Geräuschfundament, das jedem Fellini-Film zur Ehre gereichen würde.

Und dann die Stimmen! Anna Clare Hauf gibt klagende Laute von sich, schmerzliche Laute, manchmal zornige, der Eruption nahe. Auf Text wird verzichtet, zu sehr würde semantischer Inhalt die stimmliche Bandbreite einschränken.

Schrill, schräg und intensiv wirkt dieser Abend auf und vor der Bühne. Auch kräfteraubend. Das Publikum quittiert die kollektive Anstrengung mit reichlich Applaus. Offenbar fühlte es sich bei diesem Experiment an der richtigen Adresse. (mark)


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