Reboarder-Kindersitze: Rückwärts fährt sich’s sicherer

In Skandinavien sind sie Standard, und auch bei uns setzen sie sich immer mehr durch: rückwärtsgerichtete Kindersitze, genannt Reboarder. Gegen die Fahrtrichtung fahren Kinder fünfmal sicherer im Auto mit.

Reboarder-Kindersitze sind zwar viel sicherer, nehmen im Auto aber auch mehr Platz ein.
© Getty Images/iStockphoto

Von Beate Troger

Innsbruck, Wien –Wenn Kinder im Auto mitfahren, steht für Eltern Sicherheit an oberster Stelle. Weil europaweit über Jahrzehnte ganz unterschiedliche Vorschriften für Wirrwarr sorgten, hat die EU im Jahr 2013 mit einer Verordnung die Standards vereinheitlicht und damit auch verschärft – vor allem im Sinne der Kindersicherheit.

Laut der Norm ECE-R 129, auch „i-Size“ genannt, gilt seither: Kinder müssen bis zu einem Alter von 15 Monaten im Auto gegen die Fahrtrichtung mitfahren. In den Babyschalen, die je nach Größe und Gewicht des Kindes etwa in den ersten acht bis zwölf Lebensmonaten passen, schauen die Kleinsten standardmäßig nach hinten.

Wenn der Nachwuchs aber langsam herauswächst, stehen die Eltern vor einer Entscheidung: Wechseln die Kinder in einen größeren Sitz in Fahrtrichtung oder bleiben sie rückwärtsgerichtet in einem so genannten Reboarder?

Die neue EU-Vorschrift bedeutet nämlich noch lange nicht, dass Kinder unter 15 Monaten auch wirklich gegen die Fahrtrichtung transportiert werden müssen, wie Martin Eder vom ÖAMTC Tirol ausführt. „Es gilt nach wie vor die alte Norm ECE R-44/03 sowie ECE-R 44/04 aus den Jahren 1999 bzw. 2005“, erklärt er. Laut dieser Norm können die Kleinen schon ab einem Gewicht von neun Kilogramm nach vorne schauen.

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Unbestritten fahren Kinder im rückwärtsgerichteten Reboarder sicherer mit.
Martin Eder 
(Kindersitzberater ÖAMTC Tirol)

„Unbestritten fahren Kinder aber im Reboarder ­sicher mit“, stellt er klar. Das Pro­blem: „Die Wirbelsäule und die Nackenmuskulatur sind bei Kleinkindern noch nicht fertig entwickelt und zu schwach, um das ­proportional hohe Gewicht des Kopfes im Fall eines Frontalaufpralls zu halten“, sagt Eder, der seit vielen Jahren für die Kindersitzberatung beim größten Autofahrerclub verantwortlich ist.

Mit einem Anteil von 72 Prozent sind Frontalcrashs die häufigsten schweren oder gar tödlichen Unfälle. Bei 26 Prozent kommt es zu einem Seitenaufprall von rechts oder links. Nur zwei Prozent der schweren Unfälle passieren durch einen Heckaufprall.

Sitzen also große Säuglinge, die schon mit sechs oder sieben Monaten nicht mehr in die Babyschale passen, in Fahrtrichtung, können bei einem Frontalcrash ein schweres Schleudertrauma, hohe Querschnittlähmungen oder gar der Tod die Folge sein. „Wenn das Kind aber gegen die Fahrtrichtung sitzt, fängt die Rückenlehne diese Aufprallkräfte viel besser auf als nur zwei Gurtriemen“, sagt Eder. Die Kräfte, die auf Nacken und Wirbelsäule des Kindes wirken, sind so fünfmal geringer.

Die Rückenlehne des Reboarders fängt die Kräfte des Aufpralls besser ab als die Gurtriemen.
© Axkid

Obwohl die neue Norm bereits seit sieben Jahren gilt, haben sich Reboarder anders als im skandinavischen Raum in Österreich nur sehr langsam durchgesetzt.

Reboarder schnitten in den Kindersitz-Tests von ÖAMTC und dem deutschen ADAC unterm Strich über Jahre hinweg eher schlecht ab. „In Sachen Sicherheit waren sie immer top“, erklärt Eder. „Ein wichtiger Aspekt bei den Tests ist immer auch ein einfacher und umkomplizierter Einbau, natürlich im Sinne der Sicherheit.“ Weil ein Reboarder aber mitunter doppelt so viel wiegt und ältere Modelle nur mit komplizierter Gurtmontage einzubauen waren, hagelte es einen massiven Punkteabzug.

„Da der Sitz gegen die Fahrtrichtung eingebaut wird, nimmt er auch mehr Platz im Auto ein“, weiß ÖAMTC- Mann Eder. Viele der ersten Modelle am heimischen Markt konnten in kleinere Autos gar nicht eingebaut werden. „Man hätte den Fahrer- oder Beifahrersitz so weit nach vorne stellen müssen, dass die Erwachsenen nicht sicher mitfahren oder kaum mehr lenken hätten können.“

Doch der Markt ist in Bewegung. „Der Trend geht ganz klar in Richtung Reboarder“, weiß der Experte. Mit wachsender Nachfrage sind die Preise, die noch vor zwei Jahren zwischen 400 und 600 Euro lagen, gesunken. Dank einfachem Einbau durch die Isofix-Haken unter der Rückenlehne verbesserten sich auch die Testergebnisse.

Fakt ist, dass die alte Norm auslaufen wird, aber es ist unklar, wann.
Martin Eder (Kindersitzberater ÖAMTC Tirol)

„Fakt ist, dass die alte Norm ECE R-44 auf jeden Fall auslaufen wird“, weiß ÖAMTC-Mann Martin Eder, „aber es ist unklar, wann das endgültig passieren wird.“ So stand bereits das Ende der alten Norm ab 2018 im Raum. Vermutlich auf Druck der Hersteller wurde die Geltungsdauer der älteren Regelung aber auf vorerst unbestimme Zeit verlängert.

Und Eder räumt auch mit einem weitverbreiteten Vorurteil auf, nämlich der Annahme, dass den Kleinen im rückwärtsgerichteten Sitz schlecht werde. „Objekte von vorne bewegen sich viel zu schnell auf die Kinder zu und führen oft zu Angst und Reizüberflutung.“ Außerdem seien jüngere Kinder das Sitzen gegen die Fahrtrichtung noch von der Babyschale gewöhnt.


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