Psychotherapie: Im Land von Freud gibt es noch ein Tabu
Narzissmus, Verdrängung, Unbewusstes: Themen der Psychotherapie haben die Alltagskultur durchdrungen. Für junge Menschen ist das Reden über Psychotherapie selbstverständlich. Doch nicht alle psychisch Erkrankten können und wollen sich auf die Couch setzen oder legen.
Von Theresa Mair
Die Welt scheint von „Narzissten“ und „Borderlinern“ momentan geradezu überfüllt zu sein. Hemmungslos wird im Alltag mit Begriffen um sich geworfen, die einst Psychotherapeuten vorbehalten waren. Wenn es z. B. darum geht, Freunden zu raten, ihren „Selbstwert“ zu stärken und Probleme nicht ins „Unbewusste“ zu „verdrängen“.
Schnell ist man mit einer Diagnose zur Stelle – und kratzt damit als Laie doch gefährlich an der Oberfläche. In TV-Serien faszinieren die Abgründe der menschlichen Seele und die verschrobenen Neurotiker à la „Monk“. Im Lifestyle sind Themen wie Selbstverwirklichung in Mode.
Auch der Andrang von jungen Menschen, die Psychotherapeuten werden wollen, ist enorm. 300 Bewerber können jedes Jahr in Innsbruck mit dem psychotherapeutischen Propädeutikum, der Basisausbildung für künftige Therapeuten, beginnen. „Das Propädeutikum gibt es seit 1994 an der Universität Innsbruck. Letzten Winter war es erstmals so, dass wir einen Aufnahmestopp gemacht haben. Der Lehrgang boomt“, sagt Lehrgangsleiter und Psychotherapeut Gianluca Crepaldi. In einer Zeit, in der „Institutionen und Werte wie Familie und Religion an gesellschaftlichem Konsens verlieren“, springe Psychotherapie in die Lücken, die sich aufgetan haben.