Wenn Heimbewohner unbemerkt auf Wanderschaft gehen

Nachdem die Türen nicht verschlossen werden, entfernt sich so mancher Bewohner vom Heim. In Oberndorf werden Gegenmaßnahmen getroffen.

Vor dem Wohn- und Pflegeheim in Oberndorf gibt es schon seit längerer Zeit sogar eine Scheinbushaltestelle, damit sich so mancher Heimbewohner nicht allzu weit vom Haus entfernt.
© Michael Mader

Von Michael Mader

Oberndorf i T. – So mancher Bewohner eines Wohn- und Pflegeheims ist auf Grund unterschiedlicher Erkrankungen und auch seiner Tagesverfassung sehr bewegungsfreudig. „Manche können sich schwer in der für sie neuen Umgebung orientieren und suchen den Heimweg“, sagt Tanja Halbig, Pflegedienstleiterin des Wohn- und Pflegeheims in Oberndorf. Wie auch bei anderen Heimen kann das dazu führen, dass sich einige Bewohner unbemerkt aus dem Heim entfernen und nicht mehr zurückfinden.

„Wir haben zum einen ein offenes Haus und zum anderen ist es gesetzlich auch verboten, Türen außerhalb der vorgegebenen Zeiten zu verschließen bzw. mittels Alarm zu sichern. Zudem sind alle Türen auch Fluchttüren, dies bedeutet, dass alle Türen von innen zu jeder Zeit zu öffnen sind“, spricht Halbig ein Problem an, mit dem so manches Heim zu kämpfen hat.

Es gebe natürlich GPS-Ortungssysteme, welche auch im Einsatz seien, aber das Installieren bedürfe der Einhaltung einiger wichtiger Punkte: Es muss einen Anlassfall geben, es muss gut begründet werden können, eine Meldung ist verpflichtend und kann jederzeit gerichtlich überprüft werden, da es sich hierbei um eine laut Gesetz freiheitseinschränkende Maßnahme handle.

„Dies und der Umstand, dass niemand in seinem Willen gebrochen wird, bedeutet eine große Herausforderung. Jeder Mensch hat das Recht, sich frei zu bewegen. Unsere Bewohner sind hier zu Hause und sollen sich in dieser Umgebung wohl und verstanden fühlen“, sagt Halbig. Dies kann natürlich dazu führen, dass sich einige Bewohner unbemerkt aus dem Heim entfernen und nicht mehr zurückfinden. Das Personal sei zwar stets sehr aufmerksam und bemüht, jedem gerecht zu werden, dabei dürfe man die Schnelligkeit einiger Menschen aber nicht unterschätzen.

Sollte es trotzdem zu einer Abgängigkeitsmeldung kommen, so werden die Personen in Oberndorf zuerst mittels hauseigenen Personals gesucht. Ist die Suche erfolglos, so wird die Polizei verständigt. Eine Ausnahme bilden die Nachtstunden, denn da gibt es eine Anwesenheitspflicht der beiden diensthabenden Mitarbeiter.

Auch wenn Halbig betont, dass es sich nur um Einzelfälle bei den derzeit 62 Heimbewohnern handelt, kann es natürlich auch passieren, dass etwa verwirrte Personen aus dem Wohn- und Pflegeheim im Ort umherwandern. „Sollte jemand die Orientierung verloren haben, bitte zögern Sie nicht, rufen Sie im Heim an oder kommen Sie direkt vorbei“, appelliert Halbig auf der Homepage der Gemeinde an die Bevölkerung von Oberndorf. „Seien Sie versichert, dass alle Mitarbeiter täglich ihr Bestes zum Schutz und zur Versorgung unserer Bewohner geben.“

Um der Problematik der sich auf Wanderschaft begebenden Bewohner ein wenig Herr zu werden, wurde bereits vor zwei Jahren direkt vor dem Wohn- und Pflegeheim in Oberndorf eine so genannte Scheinbushaltestelle errichtet, die vor allem in der Betreuung bzw. Pflege von Demenzkranken eingesetzt wird. Sogar ein fiktiver Plan mit Busverbindungen ist ausgehängt, nur Bus kommt halt nie einer vorbei.

„Das Heim ist im Blickfeld. Wir hoffen, dass unsere Weggeh-Gefährdeten dann zurückgehen. Dadurch soll bei ihnen nicht nur das Gefühl der Sicherheit geweckt werden, sondern wir erwarten, dass auch der Druck des Nichtankommens verloren geht“, wünschte sich Halbig damals. Neu war die Idee allerdings nicht: Die Pflegedienstleiterin wusste, dass zum Teil auch Geschäfte und ganze Dörfer für Demenzkranke nachgebaut werden.

Nicht ganz einfach sei es allerdings, wenn ein Heimbewohner trotzdem das Weite sucht: Rein rechtlich dürfe die Person nicht einmal überredet werden, wieder ins Wohn- und Pflegeheim zurückzukehren, weiß ein Kollege von Halbig zu berichten.


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