Innsbrucker Virologin von Laer: Besser kein Gondelfahren

Virologin Dorothee von Laer rät nur Familien zur Gondelfahrt beim Skifahren, Kritik an der Maskenpflicht versteht sie nicht.

Auch beim Skifahren gibt es, etwa beim Anstehen oder in Liftgondeln, engen Kontakt von vielen Menschen.
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Warum steigt derzeit die Zahl der Corona-Infizierten wieder so stark an?

Dorothee von Laer: Die Lockerungen der Corona-Regeln bestehen ja nun schon seit einigen Wochen und jetzt erst steigt in ganz Europa die Zahl der Infizierten, und das obwohl die Schulen zumindest in Österreich gerade erst wieder anfangen und die Temperaturen die Menschen noch nicht in geschlossene Räume zwingen. Das ist erstmal erstaunlich. Es gibt wahrscheinlich mehrere Ursachen. Einerseits wird der Mensch wohl, wenn lange alles gutgeht, etwas nachlässiger. Dann gibt es wahrscheinlich auch einen gewissen Nachholbedarf an Feierlichkeiten. Eine Reihe von Clustern lässt sich ja auf Familienfeiern u. Ä. zurückführen. Außerdem kennt die Epidemiologie das Phänomen der Perkolation. Eine Infektion kursiert lange auf einem niedrigen Niveau in der Bevölkerung, bis ein gewisser Schwellenwert erreicht ist und es zu einer Infektionswelle kommt. Ein solcher Schwellenwert könnte in den letzten Wochen erreicht worden sein.

Haben Sie damit gerechnet?

Von Laer: Ja, bei den doch großzügigen Lockerungen habe ich mich gewundert, dass die Zahl nicht früher gestiegen ist.

Trotz steigender Zahlen scheint die Angst in der Bevölkerung nicht so groß zu sein. Skeptiker werden immer lauter. Was sagen Sie einem Skeptiker als Expertin?

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Von Laer: Je nach Alter stirbt rund jeder 10.000ste bis jeder 20ste an einer Corona-Infektion. Also nehmen wir jemanden im mittleren Alter. Würde der mit einer Fluglinie fliegen, bei der bei jedem 1000sten Flug das Flugzeug abstürzt?

Der Herbst und die kalte Jahreszeit nahen. Schon jetzt kann sich die Politik offenbar nur schwer einigen, „Ampelfarben“ werden vorzeitig wieder geändert. Aus ärztlicher Sicht: Was erwartet die Bevölkerung, wenn man sich wieder mehr in Innenräumen aufhält?

Von Laer: Natürlich werden die Zahlen in der kalten Jahreszeit steigen. Es ist an uns, das zu verhindern. Ehrlich gesagt verstehe ich die Aufregung einiger Bürger nicht. Masken korrekt zu tragen und zu Menschen, die nicht im eigenen Haushalt wohnen, Abstand zu halten, ist, so denke ich, jetzt keine so große Zumutung. Die vielen Arbeitslosen, die Kinder, die jetzt in der Schule zurückbleiben, die insolventen Betriebe, das ist schlimm.

Dorothee von Laer: Die Virologin führte nach Ausbruch der Corona-Pandemie in Ischgl eine Antikörperstudie durch.
© APA/HELMUT FOHRINGER

Kritik gibt es auch immer wieder an Testungen. Wie sinnvoll ist es, Personen ohne Symptome zu testen?

Von Laer: Je nach Studie haben bis zu 50 Prozent der Infizierten keinerlei Symptome. Um Infektionsketten zu stoppen und alle möglichen Infizierten aufzuspüren, muss man im Verdachtsfall auch symptomfreie Personen testen.

Sind die Labore zu langsam?

Von Laer: Die meisten liefern das Ergebnis in weniger als 24 Stunden.

Gibt es andere Möglichkeiten der Testung, die weniger aufwändig sind, etwa den Gurgltest?

Von Laer: Der Test im Labor ist gleich aufwändig, nur die Abnahme der Proben ist beim Gurgeln weniger aufwändig und kann von der Testperson selbst vorgenommen werden. Gurgeln bietet also einen Vorteil.

Sind jetzt andere Personengruppen infiziert als im März?

Von Laer: Ganz am Anfang des Ausbruchs in Österreich und Deutschland waren ja eher junge Erwachsene betroffen. Danach haben sich aber auch relativ viele ältere Personen angesteckt, was zu einer höheren Sterblichkeit führte. Jetzt sind es wieder die Jüngeren, die erkranken, und die Anzahl der Patienten in Krankenhäusern oder gar auf Intensivstationen ist noch gering. Es ist jetzt an uns allen, zu verhindern, dass die Älteren sich wieder vermehrt infizieren.

Hat das Virus sich mittlerweile verändert?

Von Laer: Nein, dafür gibt es keinerlei Hinweise. Das Virus ist im Vergleich z. B. zum Influenzavirus genetisch relativ stabil.

Wie weit ist eine mögliche Impfung?

Von Laer: Es gibt mehrere sehr vielversprechende Impfstoff-Kandidaten. Die Testungen bis zur Zulassung eines Impfstoffes sind jedoch extrem aufwändig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es vor dem nächsten Sommer eine Firma schafft, alle Testungen für eine Zulassung abzuschließen. Und das wäre schon ein Rekord.

Wird im Winter das Liftfahren in Gondeln möglich sein?

Von Laer: Wenn immer nur Mitglieder eines Haushaltes in einer Gondel sitzen, was bei kleinen Gondeln ginge, könnte ich mir das vorstellen, aber das ist wohl nicht praktikabel. Ich würde es nicht empfehlen, aber das entscheiden andere.

Das Gespräch führte Verena Langegger


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