Klangspuren-Festival: Orgelrauschen und Beethovens Wut

Wolfgang Mitterer an Ebert-Orgel und Keyboard und die jungen Hochbegabten beim Klangspuren-Festival.

Die Teilnehmer der International Ensemble Modern Academy begeisterten bei den Klangspuren.
© Klangspuren

Von Ursula Strohal

Innsbruck – Als die ehrwürdigen Herren um den weltberühmten Orgelrestaurator Jürgen Ahrend 1977 nach langer, äußerst sorgsamer Arbeit an der Ebert-Orgel von 1561 in der Hofkirche das Instrument wieder freigaben, wurde viele Jahre äußerst streng darauf geachtet, wer an die Orgel durfte und mit welchem Repertoire.

Undenkbar, hier zu experimentieren. Der gebürtige Osttiroler Wolfgang Mitterer hat beim Klangspuren-Festival am Mittwoch gezeigt, wie kreativ er, gleichermaßen faszinierend als Komponist, Organist und Improvisator, das Instrument mit Elektronik zu verbinden und damit in unsere Zeit zu heben versteht.

Das mitteltönig gestimmte Instrument traf auf die virtuelle zweite Orgel eines Keyboards für das Stück „Grand jeu 2“. Eberts rauere, geschärfte, hochindividuelle Register trafen auf die neu­traleren, wenn auch steuerbaren Töne der Elektronik.

Unendlich scheinen Mitterers Möglichkeiten der Transformation, der Klangphantasie, der Öffnung von räumlicher Tiefenwirkung.

Das Standbild Kaiser Maximilians I. wurde umspielt mit kleinteiliger Raffinesse und umspült von dichten Flächen und wilden Clustern. In vielen Passagen arbeitete die Architektur der Hofkirche mit.

Die live gespielte und die elektronische Schicht verbinden sich durchdacht, klug und auch gewitzt, Melodieteile tauchen auf und unterlaufen Erwartungshaltungen.

Rauschen durchwogt den Raum, Nähe und Ferne entstehen, man glaubt in Momenten, andere Instrumente zu vernehmen, Ensembles, ein Orchester, Glocken.

Wunderbare Klänge aus anderer Welt tauchen auf, und vielleicht ist in diesem ganzen, sich ständig wandelnden und erneuernden Geschehen zwischen Behutsamkeit und Aufbegehren am spannendsten der Rollenwechsel der beiden Orgeln, der die Ebert-Orgel verblüffend in die Gegenwart hebt. Am Ende ereignet er sich, gelöst aus aller virtuosen Vernetzung: der intensive, einsame Ton, der in die Unendlichkeit weist.

Dann die Jungen, im Haus der Musik. Auch die International Ensemble Modern Academy der Klangspuren lief heuer quantitativ reduziert. Qualitativ sind die – heuer aus elf Nationen kommenden – 19 Instrumentalisten rund um ihr Studienende auf der Höhe des Könnens und bewiesen das anhand von Edgard Varèses berühmtem, reizvoll konsequentem „Octandre“, Friedrich Goldmanns „Linie/Splitter“ und Karola Obermüllers in Venedig kreisendem „helical“.

Schließlich Mauricio Kagels „Ludwig van. Hommage von Beethoven“, eingerichtet für das Ensemble Modern von Hermann Krezschmar.

Ein Kabinettstück sondergleichen, geistreich, humorvoll, frech, Beethoven innig zugetan. Motive aus dessen Kammermusik sind kenntlich, münden aber ganz woanders.

Und nicht selten hört man den Meister, der so überaus genau gearbeitet hat, am Klavier über seinen Noten toben. Die jungen Musiker machten auch das großartig.


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