„Der deutsche Mittagstisch“: Bad in der braunen Ursuppe

Claus Peymann in der Josefstadt: Der Altmeister inszeniert Thomas Bernhards Dramolettenreigen „Der deutsche Mittagstisch“.

Kein Haar, sondern Nazis in der Suppe: Michael König und Traute Hoess servieren ihren Kleinen eine Gesinnungs-Mahlzeit.
© Philine Hofmann

Von Bernadette Lietzow

Wien – Das Erdenrund, die Welt, in der sich Thomas Bernhards bizarres Figurenpersonal aus den sieben Mini­dramen unter dem Titel „Der deutsche Mittagstisch“ bewegt, ist eine Scheibe. Zumindest im Theater an der Josefstadt, das dem Bernhard-Regisseur Claus Peymann, der einen Großteil von dessen Stücken in den 1970er- und 1980er-Jahren zur Uraufführung brachte, einen roten Teppich ausrollte.

Besagte Scheibe, nebst in plüschigem Rot gehaltenen gemalten Kulissen, ein über allem thronender Papp-Bernhard mit Teufelshörnchen wie Funkelaugen und je nach Szene weiteren „Hinguckern“, entwarf kein Geringerer als der stilbildende Bühnen-Künstler Achim Freyer.

Luxus pur für den ehemaligen „Piefke“-Burgtheaterdirektor, der die Josefstadt einst als Schnarch-Theater geschmäht hatte und dem Publikum der damals noch behäbig-stockkonservativen Bürgerbühne mit seinen Sagern schon vor dem „Heldenplatz“-Skandal als „Gottseibeiuns“ galt.

Das schöne Programmheft gibt neben Erhellendem zum Grantler aus Ohlsdorf auch Einblicke in die Droh- und Schmähbriefe, die in der Direktion der Burg eintrudelten. Eher unlustig!

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Nun schreibt man das Jahr 2020, in der Josefstadt fährt Intendant Herbert Föttinger seit Langem einen geschickten wie behutsamen Neuerungskurs und Claus Peymann, Jahrgang 1937, ist, nein, nicht altersmilde, eher altersfröhlich.

Souverän und entspannt-durchdringenden Auges stellt er die in der braunen Ursuppe schwimmenden Groß- und Kleinbürger vor, belässt sie in den (bundesdeutschen) späten 1970ern, verzichtet auf tagespolitische Aktualisierungen. Bedauerlicherweise sind Monster und Monsterchen meist unsterblich. Im Vorfeld der Premiere am Donnerstag zeigte sich Peymann begeistert über die Arbeit mit dem ihm zur Verfügung stehenden Ensemble.

Sichtbare Spielfreude kennzeichnet diesen streckenweise fast zu unterhaltsamen Abend. In „A Doda“ stolpern zwei biedere Dörflerinnen über eine vermeintliche Leiche. Ulli Maier und Lore Stefanek ergehen sich mit großer Verve in einem maulfaulen Zwiegespräch, die „Leich“ entpuppt sich als ein Bündel in Packpapier gewickelte Hakenkreuzplakate.

In „Match“ geifert sich die Polizistengattin (Sandra Cervi­k) in Rage, um schlussendlich, radikal aufgeladen, den passiv-aggressiv einem TV-Fußballspiel folgenden Gatten (Robert Joseph Bartl) zu verführen.

Grausig gelungen ist „Freispruch“, wo drei NS-Verbrecher (Bernhard Schir, Michael König, André Pohl) mit Nachkriegs-Juristenkarriere im Beisein von Ehefrauen und Champagner die Niederschlagung anhängiger Prozesse feiern, Horst-Wessel-Lied inklusive.

Die in „Der deutsche Mittagstisch“ bereitete „Nazi­suppe“ für die am weißgedeckten Scheibentisch kauernden treudeutschen Heinzelmännchen-Kinder teilt Traute Hoess’ mächtiges Muttertier aus. Braune Gesinnung, die löffelweise weiteren Generationen eingeflößt wurde und wird?

Gut gemacht, das alles. Beim anhaltenden Schlussapplaus des Pandemie-bedingt ausgedünnten Publikums verneigt sich ein sichtlich zufriedener Herr Peymann.


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