Drittes Altenheim: Reutte pfeift auf Verbandsbeschluss

Nach der Abstimmungsniederlage in der Standortfrage zu einem dritten Altenheim geht Reutte eigene Wege.

Die Dimension des „Guten Hirten“ in Reutte wurde zum Streitfall.
© Helmut Mittermayr

Von Helmut Mittermayr

Reutte – Krasse Fehlentscheidungen zu treffen – das werfen sich Reuttener Mandatare in der Frage vor, wo neue Pflegebetten entstehen sollen. Im Mai hatten sich die Bürgermeister im Bezirkspflegeverband nach langer Vorprüfung mit 25 zu vier Stimmen für den Bau eines neuen Heimes beim Krankenhaus in Ehenbichl entschieden, wo bereits das Bezirkspflegeheim „Haus Ehrenberg“ situiert ist. Reuttes Bürgermeister Aloi­s Oberer schäumte damals, weil eine vom Verband in Auftrag gegebene Studie zum Ergebnis gekommen war, dass der zentralörtliche Standort beim Reuttener Seniorenheim „Zum guten Hirten“ der bessere sei – und nicht Ehenbichl. Trotzdem kam Reutte nicht zum Zug.

Schon in der Gemeindezeitung hatte Oberer vor Wochen seiner tiefen Enttäuschung Platz eingeräumt, in der Gemeinderatssitzung Donnerstagabend fuhr er nun mit ganz anderen Kalibern auf. Mit einem Dringlichkeitsantrag hob er ein Thema auf die Tagesordnung, bei dem es einigen Gemeindechefs im Bezirk die Sprache verschlagen wird: Reutte will selbst bauen. Konkret das eigene Heim um 26 stationäre Betten erweitern, auch in eine neue Küche und einiges mehr investieren. Der Marktchef ließ auch schon einen ersten Plan zeigen. Zur Abstimmung stand allerdings erst eine Studie zum Projekt, das schon 2022 fertig gestellt sein könnte. Lange vor der großen Bezirkspflegeheim-II-Lösung im Jahr 2024.

In der beidseitig ambitioniert geführten Diskussion kam es zur Umkehrung der Argumente. Jahrelang hatte die VP-Fraktion angesichts des Drucks – inzwischen gibt es zwei Jahre Wartezeit auf einen Heimplatz – in Anträgen einen eigenständigen Reuttener Weg gefordert und Oberer dies mit dem Verweis auf eine bevorstehende Bezirkslösung verhindert. Jetzt will der Marktchef plötzlich in Reutte die Kräne auffahren lassen und die VP um Vize Klaus Schimanas nicht mehr, weil es nun ja eine Bezirkslösung gebe, an die auch der Bezirkshauptort gebunden sei. Schimana erklärte in der Diskussion mehrmals, dass mit einem Reuttener Sonderweg die große Bezirkslösung mit 60 weiteren Betten vielleicht nicht mehr komme. Die Landesregierung werde sich mit Förderungen sicher zurückhalten, wenn im Außerfern gestritten werde.

GR Helmut Hein (Grüne) gefiel nicht, dass ein so weitreichender Tagesordnungspunkt nicht einmal Fraktionen oder Ausschüssen präsentiert wurde. GV Günter Salchner von der (Bürgermeister-)Liste Luis (LL) konnte der „Entweder-oder-Logik“ nichts abgewinnen. „Angesichts des demografischen Tsunamis, der auf uns zukommt, kann man nur hoffen, dass beide Projekte schnellstens verwirklicht werden.“ VBM Gerfried Breuss (LL) verstand die Aufregung nicht: „Leute, wir stimmen nur über eine Studie ab!“ Ernst Hornstein (VP) konterte: „Wir wollten all die Jahre auch immer nur eine Studie, die ihr verhindert habt.“ Er vermutete, dass es vielleicht nur um die „Befriedigung eines Egos“ gehen könnte. BM Oberer erklärte, einfach dem Bedarf in Reutt­e gerecht werden zu müssen. Die Frage Schimanas, ob damit auch ein Austritt aus dem Pflegeverband Thema werde, ließ er offen. Die Abstimmung erhielt mit zwölf von 19 Stimmen die erforderliche Mehrheit.

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