„Gemeinsam ist Alzheimer schöner“: Die Banalität des Erwartbaren

Mittelprächtige Turrini-Uraufführung an den Kammerspielen der Josefstadt.

Beatles forever: Maria Köstlinger und Johannes Krisch tanzen mit zwiespältigen Erinnerungen in die eigene Vergangenheit.
© KAMMERSPIELE DER JOSEFSTADT

Von Bernadette Lietzow

Wien – Hundertfünf Minuten muss man sich Zeit nehmen für den Besuch in der Seniorenresidenz „Herbstfreude“. Derartige Institutionen können mit ihrer oftmals überregulierten Betulichkeit lähmen, die Bewohner wie deren Gäste. Ähnlich lähmend auf Gemüt wie Mundwinkel wirkt sich auch Peter Turrinis jüngstes Bühnenwerk über ein in den Untiefen fortschreitender Demenz strudelndes Ehepaar aus, das am Samstag in den eleganten Kammerspielen der Josefstadt uraufgeführt wurde.

Florian Ettis Bühnen-Altenheim lässt Assoziationen mit einem Seziersaal aufkommen, wirken doch die schwarz gerahmten und mit weißen Fliesen versehenen Schiebewände alles andere als einladend. An Rollstühle gefesselt, vom Alter gezeichnet, lernt man die beiden kennen – „Sie“ und „Er“, in Gestalt von Maria Köstlinger und Johannes Krisch. Und schwupps, der Beatles-Song „Why Don’t We Do It in the Road?“ erklingt und die beiden gebrechlichen Silberrücken legen eine kesse Sohle aufs Parkett. Man ahnt es, das Paar wird im Folgenden, immer wieder unterbrochen von „Rückfällen“ in das Alzheimer-bedingt verwirrte Jetzt, allerlei Stationen des gemeinsamen Lebens Revue passieren lassen.

Dabei geht dem Autor und bekennenden Menschenfreund Turrini, der im vergangenen Jahr seinen 75. Geburtstag gefeiert hat, leider ganz gewaltig das Kitsch- und Klischee-Häferl über. Prächtig unterstrichen von Regisseur Alexander Kubelka und den sonderbaren Kostümierungen, die Elisabeth Strauß Maria Köstlinger auf den Leib geschneidert hat. Pastell-Unterwäsche, früher wohl „Liebestöter“ genannt, ein scheußliches Blumenkleid, aus dem dann von der „alten“ Dame Blüten herausgeschnitten werden, oder ein mausgrauer Faltenrock mit ebensolchem Jäckchen, nicht wirklich das Outfit, das eine studentenbewegte angehende Juristin Ende der 1960er getragen hätte.

Aber nonchalant ist bei Turrini sowieso eher „Er“, der nach einer kurzen Protestphase Papas Papierfabrik zum global agierenden Konzern ausbaut und, weil es einfach zum gutbürgerlichen Brauch gehört, seinen Alltag mit zahlreichen Affären versüßt. „Sie“ hält sich gerade zwischen Trennungswunsch, Kind, Feng-Shui-Garten oder sibirischen Tomaten und ist bei Turrini auf das Beklagen des trivialen Einerleis gebucht, während „Er“ sich in poetische oder philosophische Höhen aufschwingen darf. So weit, so unbefriedigend.

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Schauspielerisch ist an diesem Abend nicht viel auszusetzen, sind Köstlinger und Krisch doch ausnehmend gewandte, selbstgewisse Darsteller. Die beiden werfen sich bis zum finalen Happy End mächtig ins Zeug, um dem äußerst seichten Text etwas Strahlkraft zu verleihen. Sie ernten dementsprechend starken Applaus.


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