Beklemmende Frauenschicksale im Opern-Saisonauftakt in Linz

Mit einem Abend großer Gefühle aber auch seelischer Abgründe hat am Samstag im Musiktheater Linz die neue Opernsaison begonnen. Ludwig van Beethovens Oper „Fidelio“ wurde im Großen Saal des Hauses am Volksgarten mit der zeitgenössischen, dramatischen Szene „Twice through the heart“ (Zweimal durchs Herz) des englischen Komponisten Mark-Antony Turnage kombiniert.

Es war ein mutiges Vorhaben von Intendant Hermann Schneider, der die Inszenierungen übernahm, und Opernchef Markus Poschner, prägen doch zwei gegensätzliche Frauenschicksale das Bühnengeschehen: Gattenliebe bei „Fidelio“ und Gattenmord, nach einer wahren Begebenheit.

In „Twice through the heart“ büßt eine namenlose Frau im Gefängnis für die Ermordung ihres Mannes. Sie verschweigt dem Gericht ihre Notwehr gegenüber dem Mann, der sie seelisch und körperlich quält, missbraucht und mit dem Umbringen bedroht. Verständlich, dass die Vergangenheit sie im Gefängnis nicht loslässt, wenngleich sie auch jetzt von der Liebe zu ihrem Mann spricht. Beide Lebensgeschichten sprechen gesellschaftlich große Themen, auch der Gegenwart, an. Es geht um Freiheit und Verantwortung, um Gerechtigkeit und individuelles Leid und schließlich auch um die Frage der Rechtfertigung eines Tyrannenmordes.

Angesichts der beiden Frauenschicksale hat es die Musik nicht einfach, sich zu behaupten. Aber Markus Poschner am Pult des Bruckner Orchesters gelingt es bestens, die musikalischen Seelenzustände in beiden Dramen zu verlebendigen: bei Beethoven energisch, aber auch rücksichtsvoll für die Singstimmen, bis zum atemberaubenden Tempo des Schussjubels. Das Orchester spielt in zwei Ensembles. Bei „Fidelio“ in großer Besetzung aus dem Orchestergraben, bei „Twice through the heart“ als eigenes Kammerensemble im Bühnenhintergrund. Die „moderne“ Instrumentierung zeigt sich handlungsgerecht, mit Akzenten bei den Bläsern, der Harfe und dem Schlagwerk.

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Die optische Umsetzung des Abends (Bühne, Kostüme, Videos) durch Falko Herold kann bei diesen Schicksalen nur düster sein. Gewiss lässt sich für die Überflutung des fast ganzen Bühnenbodens knöcheltief mit Wasser eine Deutung finden - aber schlüssig ist es nicht, dafür jedoch aufwendig.

Sängerisch dominieren klarerweise die Damen. Neben Katherine Lerner ist es auch Erica Eloff als Leonore mit schier müheloser strahlender Höhe verbunden mit rollengerechter Darstellung. Fenja Lukas als Marzelline kann stimmlich und darstellerisch mithalten. Dominik Nekel ist als Kerkermeister Rocco sängerisch makellos und auch optisch dominant. Als Florestan beeindruckt auch Marco Jentzsch mit glanzvollen Tönen. Adam Kim als Bösewicht Pizarro und Martin Achrainer als Minister Don Fernando hatten mit ihren tiefen Partien hörbar Probleme. Der Chor des Landestheaters und Mitglieder des hauseigenen Extrachores strahlten in ihren bekannten Melodien. Für sie sowie die Interpreten der Hauptrollen, für Orchester und Dirigent gab es kräftigen auch jubelnden Beifall.

Freude über die Namenlose mochte sich im Publikum zwar nicht so recht einstellen, dafür wohl Nachdenklichkeit und Gesprächsbedarf. Und das spricht für diesen insgesamt sehens- und hörenswerten Saisonauftakt, der auch von einem umfassenden und klaglos funktionierenden Sicherheitssystem wegen der Corona-Situation begleitet war.

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