Autor Benjamin Quaderer im TT-Interview: „Der Text verwandelt sich mit“

Benjamin Quaderer lieferte im März ein überraschendes Debüt. Nach dem Lockdown kann er „Für immer die Alpen“ jetzt persönlich vorstellen. Zuletzt beim Innsbrucker Prosafestival.

Benjamin Quaderer (*1989 in Feldkirch) wuchs in Liechtenstein auf. Sein Debüt ist eine der seltenen literarischen Bearbeitungen des Kleinststaates. Beim Prosafestival stellte er den 600-Seiten-Wälzer in Tirol vor.
© Foto TT/Rudy De Moor

Ihr Roman erzählt die unfassbare Geschichte von Johann Kaiser, einem Liechtensteiner Datendieb, der sich als Hilti-Spross ausgibt, in Argentinien in einem Folterkeller landet und sich schlussendlich an seiner Heimat rächt. Inspiriert wurden Sie vom Fall Heinrich Kieber, der mit dem Verkauf von Kundendaten maßgeblich zur Aufdeckung einer Liechtensteiner Steueraffäre beitrug. Wie haben Sie ihn kennen gelernt?

Benjamin Quaderer: Kennen gelernt natürlich nur über die Medien. Damals, am 14. Februar 2008 – Valentinstag und Geburtstag von Fürst Hans-Adam II. –, wurde die Geschichte über den Liechtensteiner Datendieb publik. In Liechtenstein, wo ich aufgewachsen bin, konnte man die Geschichte nicht nicht mitkriegen. Ich war damals noch in der Schule.

Haben Sie damals schon gespürt, das könnte Romanstoff sein?

Quaderer: Der Fall war immer präsent. 2011 gab es sogar einen Film und später auch ein Sachbuch. Ich hatte in der Zwischenzeit mein Studium abgeschlossen und wollte schon immer etwas über Liechtenstein schreiben, weil das Land so klein ist und literarisch bisher wenig bearbeitet wurde. Erst später bin ich wieder auf diese Figur zurückgekommen.

Und dann ist Johann Kaiser entstanden.

Quaderer: Ja, den habe ich mir eigentlich erschrieben. Mir war wichtig, dass die beiden Figuren nicht identisch sind. Kieber ist das Gerüst, das angab, wo etwas anfangen und wo es enden sollte. Kaiser kam dann nach und nach.

Sie wählen für die Geschichte die Form der Rechtfertigungsschrift.

Quaderer: Man darf nicht vergessen, auch Heinrich Kieber hat 2012 einen 800-Seiten-Tatsachenbericht im Internet publiziert. An der Legitimationsschrift hat mich interessiert, dass es nicht nur darum geht, was gesagt wird, sondern auch wie etwas gesagt wird. Das Erzählen selbst spielt eine riesige Rolle.

Ist das Legitimieren, Sie verwenden Fußnoten, auch ein Ausdruck der Zeit? Eine Zeit, die um das Phänomen Fake News weiß?

Quaderer: Ich würde sagen, das ist nicht explizit so angelegt. Aber natürlich schwingt es mit. Das war nicht meine Absicht. Für mich war wichtig, dass im Tatsachenbericht von Kieber selbst unendlich viel zitiert wird und die Fußnoten für mich als Autor und für die Romanfigur etwas anderes bedeuten. Johann Kaiser will Wahrheit belegen, für mich rückt mit den Fußnoten auch das Thema der Aneignung in den Mittelpunkt. Im Grunde nehme ich als Autor die Geschichte ja jemandem weg. Ich habe durch die Fußnoten aber immer noch den Bezug zum Eigentümer. Und kann darüber nachdenken, was geistiges Eigentum eigentlich heißt.

Genauso auffällig wie die gewählte Textform sind auch die formalen Kunstgriffe, die die Grenzen des Romans ausloten. Manchmal erzählen die Fußnoten die Geschichte weiter, mal werden zwei Perspektiven in zwei unterschiedlichen Farben gedruckt. Wie weit wollten Sie gehen?

Quaderer: Ich habe einfach ausprobiert und dann sozusagen den Lektor entscheiden lassen. Es ist kein realistischer Roman, niemand würde so erzählen. Johann Kaiser ist eine Figur, die sich im Verlauf der Geschichte ständig verwandelt. Das musste sich meiner Meinung nach auch im Text selbst, im Erzählen widerspiegeln. Als Formexperiment sozusagen. Der Text selbst verwandelt sich also mit. Der Verlag ließ mir da alle Freiheiten. Im Nachhinein habe ich mich gefragt, ob etwas mehr Einschränkung vielleicht sogar besser gewesen wäre.

Könnten diese Experimente zu Ihrer Handschrift werden?

Quaderer: Nein, das glaube ich nicht. Die haben sich aus der Geschichte entwickelt. Mein Ziel war es nicht, möglichst viele Grenzen zu sprengen. Das hat sich ergeben.

Denken Sie noch in Genres wie Antiheimatroman?

Quaderer: Genres haben mich gar nicht interessiert. Für mich selber hatte ich nie das Gefühl, ich muss genau wissen, wie mein Roman eingeordnet wird. Das muss doch jeder Leser selbst entscheiden. Ein Roman ist dankbar, weil man im Grunde alles machen kann.

„Für immer die Alpen“ erschien kurz vor dem Lockdown im März. Lesungen werden erst jetzt nachgeholt. Wie geht es weiter?

Quaderer: Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht genau. Ich habe ja auch noch nie ein zweites Buch geschrieben. (lacht) Viele sagen, das zweite Buch wird das schwerste. Darum mache ich mir im Moment gar keinen großen Stress. Ich suche nach einem Thema, mit dem ich mich überhaupt so lange beschäftigen will.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner


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