Der Deferegger Dialekt im Wandel: Auszeichnung für Osttiroler Maturantin

Eine Osttiroler Maturantin wurde für ihre vorwissenschaftliche Arbeit zur Sprachwissenschaft ausgezeichnet.

Die Preisträgerin Karin Gasser (r.) freut sich mit ihrer Betreuungslehrerin Ursula Gasser über die Auszeichnung.
© Gasser

Von Christoph Blassnig

St. Jakob i. Def. – Es komme nicht oft vor, dass sie beim Lesen von Arbeiten ihrer Studenten den Rotstift weglege, erklärte Claudia Bucheli Berger, stellvertretende Leiterin des Tiroler Dialektarchivs am Institut für Germanistik der Universität Innsbruck, in ihrer Lobesrede. Karin Gasser aus St. Jakob im Defereggental hat heuer am BORG Lienz ihr­e Maturaprüfungen abgelegt. Teil der Aufgabenstellung war die Verfassung einer vorwissenschaftlichen Arbeit (VWA). Die Schülerin entschied sich für ein sprachwissenschaftliches Thema und untersuchte die „Sprache im Wandel am Beispiel des Deferegger Dialekts“.

Ihr Ruf als strenge Professorin eile ihr voraus, fuhr Bucheli Berger in ihrer Würdigung von Gassers Arbeit fort. Bereits auf Seite fünf habe sie den Rotstift weggelegt und sich auf den folgenden 35 Seiten nur noch an der Qualität erfreut, die sie sonst nur von Studenten erwarten dürfe, nicht aber von einer Schülerin, legte Bucheli Berger weiter dar. Umso mehr habe man sich im Vorfeld der Verleihung vergewissert, dass Karin Gasser die Arbeit tatsächlich selbst verfasst hat. Und auch ein Verwandtschaftsverhältnis zu ihrer Betreuerin, der Sportlehrerin am BORG Lien­z, Ursula Gasser, besteht trotz der Namensgleichheit nur äußerst weitschichtig. Auf Anraten ihrer Betreuungslehrerin hat Karin Gasser die Arbeit eingereicht und damit einen ersten Platz im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften für Tirol und Vorarlberg errungen. Die Verleihung fand auf Grund der Corona-Ampelschaltung auf Orange für Innsbruck per Videoübertragung statt.

„Der Klang und die Melodie der Sprachen faszinieren mich, seit ich denken kann“, sagt die Preisträgerin in ihrem Vorwort. Ihre anfängliche Überzeugung, beinahe Trauer, dass sich die Dialekte in ihrem Heimattal vermutlich immer weiter angleichen und am Ende in einem flachen Einheitssprachgebrauch aufgehen würden, habe sich ins Gegenteil gewandelt, je weiter sie mit ihren Untersuchungen vorgedrungen sei. „Es gibt Veränderungen, es gibt einen Wandel. Den wird es aber immer schon gegeben haben. Die Sprache lässt auch Rückschlüsse auf die Lebensumstände der Menschen zu“, verdeutlicht Karin Gasser. Mittels 120 Fragebögen hat sich die Schülerin an Bewohner der drei Deferegger Gemeinden Hopfgarten, St. Veit und St. Jakob gewandt. Eingeteilt in drei Altersklassen hat Gasser das Verständnis und den Gebrauch von einzelnen Wörtern abgefragt. Einen wahren Sprachschatz fand sie dabei im Buch von Ursula Wurm „Teifreggerisch – Scho Nååre na“ vor, das nicht nur im Tal als Defereggen-Lexikon bezeichnet wird.

Allein für die Begriffe „hinauf“ und „hinunter“ gebe es gut ein Dutzend verschiedene Ausdrücke, die je nach Art und Steilheitsgrad des Gefälles differenziert werden (zum Beispiel „driiwaroo“: über eine Bodenerhebung drüber und ganz hinunter; „durchnieda“: fast senkrecht über das Gelände hinunter). „Darüber hinaus sind oder waren der Bevölkerung fast 800 Verben geläufig, für die es im Standarddeutschen keine direkte Entsprechung gibt“, erläutert Gasser in ihrer Arbeit. Dabei sei deren Ausdrucksstärke meist besonders anschaulich. „Tschårfl“ tue beispielsweise jemand, der die Füße beim Gehen nicht vom Boden hebt. Das Verb „fendan“ (tauschen) sei bei den Null- bis 59-Jährigen heute nahezu vollkommen unbekannt, während fast drei Viertel der älteren Generation das Wort noch aktiv im Alltag gebrauchen. Ein bemerkenswertes Ergebnis der Umfrage sei, dass Anglizismen wie „cool“ und „fair“ nahezu von allen drei Generationen aktiv genutzt würden.

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