Sperrstund’ is’: Um 22 Uhr „tut es weh“, Gäste sollen sich registrieren

Die Gastronomie- und Tourismusbranche spricht vom endgültigen Todesstoß und fordert einen finanziellen Schutzschirm. Tirol, Vorarlberg und Salzburg wollen in Absprache mit dem Bund mit der Vorverlegung der Sperrstunde in Gastlokalen auf 22 Uhr hingegen eine Maßnahme gegen steigende Corona-Infektionszahlen in ihren Ländern setzen.

Der letzte Drink vor 22 Uhr: Ab Freitag wird die Sperrstunde in Gastronomiebetrieben vorverlegt.
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Innsbruck – Die Gemenge­- und Gemütslage ist eine schwierige: Steigende Infektionszahlen und abnehmende Disziplin zu fortgeschrittener Stunde in den Bars und Lokalen, was die Hygienemaßnahmen betrifft, machen es den Verantwortlichen nicht einfach. Tirol will sich nämlich in Vorbereitung auf die ohnehin Corona-bedingt schwierige Wintersaison als "sicheres Urlaubsland" präsentieren. Nach oben schnellende Ansteckungen sind kein Werbeargument, obwohl der Tourismus bisher kaum bzw. minimal von Infektionen betroffen ist. Trotzdem: Für drei Wochen befristet haben sich jetzt Tirol, Vorarlberg und Salzburg auf eine Vorverlegung der Sperrstunde in Gastronomiebetrieben auf 22 Uhr geeinigt.

Zähneknirschend hat auch die Wirtschaftskammer zugestimmt. "Eine Freude haben wir damit nicht, aber wir müssen jetzt handeln, damit wir die Basis für den Winter legen. Ohne Reisewarnungen, denn die wären katastrophal. Natürlich, und das kann ich auch verstehen, sehen es die Wirte und die Hotellerie anders", sagt Kammerpräsident Christoph Walser. Also jetzt durchbeißen für die Wintersaison. Dass die bereits arg gebeutelten Gastronomen und Lokalbetreiber wieder beschränkt werden, bedauert auch LH Günther Platter.

"Die befristete Maßnahme ist aber notwendig, um die Gesundheitslage wieder in den Griff zu bekommen - und in einen guten Herbst und Winter zu starten." Über 50 Neuinfektionen pro Tag seien zu viel. Innsbrucks Bürgermeister Geor­g Willi (Grüne) begrüßt die frühere Sperrstunde. Dies sei für niemand attraktiv, aber ein wichtiges Zeichen für den Ernst der Lage.

📽️ Video | Frühere Sperrstunde in Westösterreich:

Darüber hinaus soll es nach dem Vorbild Deutschlands auch zu einer verpflichtenden Registrierung der Gäste in Restaurants kommen. Die Nachverfolgung könne so effizienter gestaltet werden, außerdem werde die Verwaltung entlastet, betonen Platter und Walser.

"Das ist das Ende vieler Gastrobetriebe"

Christian Harisch, mit zwölf Unternehmen einer der größten Touristiker Tirols, hält es "für richtig, jetzt die Notbremse zu ziehen und die Sperrstunde zu verkürzen". Gegen die vorherige Sperrstunden-Beschränkung hatte Harisch noch rebelliert. Ohne Senkung der Infektionszahlen sei die gesamte Wintersaison in Gefahr, so Harisch. Ganz anders sieht das Vorstandsmitglied von Innsbruck Tourismus und Hotelier August Penz. Er ist fassungslos. "Das ist das Ende vieler Gastrobetriebe, an denen Familien, Mitarbeiter und Existenzen dranhängen."

Für Penz handelt es sich dabei um eine "Panikentscheidung". Diese Regelung sei überhaupt nicht nachvollziehbar und Ausdruck von Hilflosigkeit. "Warum sollen wir Gastronomen unsere Gäste, die mit genügend Abstand zueinander in Restaurants, an der Hotelbar oder in Gastgärten sitzen, um 21.59 Uhr nach Hause zu schicken?", fragt sich Penz. Der Ärger und die Wut in der Branche über die verantwortlichen Politiker sei jedenfalls groß, weiß Penz. Und: "Die Menschen lassen sich nicht mehr einsperren. Vor allem die Jungen gehen heim und feiern unkontrolliert weiter. Dann ist der Schaden erst richtig groß", ist Penz überzeugt.

Kritik von FPÖ und SPÖ

Kritik hagelt es auch von der FPÖ. Diese undifferenzierte Aktion der ÖVP-Landeshauptleute und das "Drüberfahren" über alle Bezirke verschärfe die ohnehin schon angespannte Situation in der Gastronomie noch weiter, kritisiert FPÖ-Tourismussprecher NR Gerald Hauser. Auch SPÖ-Chef Georg Dornauer befürchtet existenzielle Bedrohungen. Erneut fordert er die Einführung von so genannten Gastro-Gutscheinen. (pn, mw, dd)


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