„Convergence“: Zusammenfließen lassen, was zusammen gehört

Annähern auf allen Ebenen: Mit „Convergence“ verbindet die Künstlerschaft ihre Mitgliederausstellung mit Atelierbesuchen und diskursivem Programm.

Einblick in den Ausstellungsraum der Neuen Galerie: vorne die Bodeninstallation von Annelies Senfter, im Hintergrund Jürgen Bauers „White House“ und Malerei von Hannah Philomena Scheiber.
© West.Fotostudio

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Kennen lernen, sich näherkommen, zu einem großen Ganzen werden. Danach richtet sich die gestern eröffnete Veranstaltungsreih­e „Convergence“ der Tiroler Künstlerschaft aus. „Convergere“, also annähern, gelingt in erster Linie auf institutioneller Ebene: Mit der Ausstellung 19 Kunstschaffender, die inzwischen seit 2017 als neue Mitglieder die Künstlervereinigung bereichern, werden erstmals seit längerer Zeit bewusst Kunstpavillon und Neue Galerie miteinander bespielt. Ein großer Ausstellungsraum entsteht.

Damit aber nicht genug: Für diskursive Tiefgänge wird ab heute (15 Uhr) zusätzlich das Künstlerhaus Büchsenhausen aktiviert, wo neue Mitglieder noch bis morgen sich und ihr­e Arbeit im Rahmen von „Salon Expanded“ vorstellen. Aus der traditionellen Mitgliederausstellung erwuchs also ein Multi-Format-Programm, das sich über die vier kommenden Wochenenden und drei Häuser zieht, mit Atelierbesuchen, Performance, Diskussionen.

Bevor man nach Büchsenhausen aufbricht, zuerst zur Mitgliederschau: Äußerst gelungen ist den Kuratorinnen Cornelia Reinisch-Hofmann und Neo-Leiterin Petra Poelzl hier die räumliche Verbindung von Kunstpavillon und Neue Galerie. Offensichtliche Anknüpfungspunkte, auf formaler und inhaltlicher Ebene, lassen die völlig unterschiedlichen Arbeiten vom bloßen Überblick zur interessanten Schau werden. Der vernünftigen Dramaturgie folgend kann man Facetten der Gegenwart entdecken, die nicht krampfhaft einem verkopften Konzept unterworfen wurden.

Michaela Schwarz-Weismanns Porträts der Denkerinnen Angela Davis (Neue Galerie) und Hannah Arendt (Kunstpavillon) etwa dürfen als klares Bekenntnis zu Feminismus und Diversität interpretiert werden, das nicht umsonst eingangs beider Ausstellungen installiert wurde.

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Bernhard Hetzenauers (Video-)Porträts „Faces of Athens“ (Kunstpavillon) von 2016 hingegen zeigen Menschen unterer sozialer Schichten aus Athener Sozialkliniken, die keinen Platz mehr im griechischen Gesundheitssystem haben. Ein­e Arbeit, die inzwischen von den neuesten Schlagzeilen aus Griechenland eingeholt wird.

Neben Patrick Bonatos zeichnerischer Vermessung von Paliano geht es auch Alexandra Kontriner (beide Kunstpavillon), die mit ihrem „Perkularium“ um das Bildwerden. In Innsbruck bereits öfter zu sehen war ihre Serie ausgestorbener Insekten, die nicht bloße Dokumentation, sondern eine künstlerische Übersetzung des Artensterbens in Tirol ist. Ein kritisches Moment will man auch in Hannah Philomena Scheibers großformatigen, blauen Bergbildern (Neue Galerie) entdecken – muss man aber nicht. Klar ist: Das mächtige, vermeintlich ewige Motiv zerfließt unaufhörlich.

Weitaus poetischer ist Anne­lies Senfters Arbeit „Clos­e Reading of a Ground“, in der sie Fotografie installativ erweitert. Anders als in ihrer eindringlichen Untersuchung der jüdischen Vergangenheit, u. a. von Innsbruck („Asking the Trees“), werden ihre aufgenommenen Spiegelungen hier zu poetischen Ausbrüchen in die Natur. Der ergänzende Text ziert übrigens das offiziell­e „Convergence“-Plakat.

Dass von dem Naturthema eine gewisse Dringlichkeit ausgeht, wird auch bei Kata Hinterlechner (aka Experimental Setup) und ihrem Beitrag klar. In „Session 9“ baut sie eigens für den Kunstpavillon einen Teil des mythischen „Palasts der blühenden Natur“. Und spinnt damit am Gesamtkunstwerk beständig weiter. Auch in sich ist „Session 9“ keine abgeschlossene Arbeit: Wie ihre Kolleginnen Maria Walcher und Janine Weger wird Hinterlechner ihre Arbeit performativ aktivieren. Und damit auch dafür sorgen, dass der Kunstpavillon bis Oktober immer wieder neu entdeckt werden kann.

Nicht nur Formate, Orte, Themen fließen zusammen, auch die Ausstellung selbst befindet sich im Fluss. Heißt: An „Convergence“ muss man dranbleiben, Zeit investieren, um daraus ein lebendiges Näherkommen werden zu lassen. Zusammenfließen lassen, was zusammen gehört.


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