Franz Fischler dankt ab: „Wehmut? Ich bin ein Mensch in Bewegung“

Ohne Wehmut verabschiedet sich Franz Fischler als Präsident des Forums Alpbach. Weil es Raum für etwas Neues benötigt. Auch für den Ex-EU-Kommissar selbst.

Mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen eröffnete Franz Fischler (r.) heuer im August sein letztes Forum Alpbach.
© APA

Von Peter Nindler

Innsbruck, Alpbach – In seinem letzten Jahr als Präsident des Europäischen Forums in Alpbach wurde Franz Fischler abrupt mit einer neuen Wirklichkeit konfrontiert. Das Forum musste vor allem digital stattfinden. Der Charakter, wie Alp- bach normalerweise zwischen hochkarätigen Diskussionen und informellen Treffen vor Ort abläuft, wurde ein Opfer der Corona-Pandemie. „Aber gerade das macht Alpbach aus und hat schon sehr stark gefehlt“, bedauert Fischler.

Trotzdem hat 2020 mehr denn je das digitale Zeitalter des Forums eingeleitet. Für Fischler macht die Technik den Unterschied, die ständig weiterentwickelt werden müsse. „Inhaltlich hat sich gezeigt, dass mit dem digitalen Format jedoch viel stringenter und disziplinierter diskutiert wird, die zentralen Punkte erhalten dadurch allerdings noch schärfere Konturen.“

„Man muss loslassen können“

Trotz eines umfassenden Corona-Sicherheitskonzepts und viel weniger Besuchern vor Ort (800) hat es im Vorfeld heuer natürlich eine große Anspannung gegeben. „Wir hatten ja keine Erfahrung, ob ein Online-Forum gelingen kann, und sind natürlich wegen Corona ein Risiko eingegangen. Obwohl wir für einen positiven Corona-Fall Vorkehrungen getroffen haben, es wäre trotzdem problematisch geworden.“

Es lief alles glatt, Online ging teilweise durch die Decke, und einen Monat später bereitet Fischler jetzt die Übergabe an seinen Nachfolger Andreas Treichl vor. Deshalb hat er sich noch keinesfalls von „Alpbach“ verabschiedet.

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Wie geht es ihm jetzt mit Abstand zu seinem letzten Forum, das er seit 2012 geleitet hat? Verspürt er Wehmut? „Nein, und sie wird auch nicht aufkommen. Das hängt vor allem mit meinem Charakter zusammen“, sagt der ehemalige EU-Agrarkommissar. „Ich weiß, wann eine Aufgabe zu Ende ist, und bin grundsätzlich ein Mensch in Bewegung.“ Bei seinem Abschied aus Brüssel 2004 hat er gemeint: „I did it my way – ich machte es auf meine Art und Weise.“ Zugleich benötige es Raum für Neues. Auch für ihn persönlich. „Deshalb muss man loslassen können“, empfiehlt der Absamer. Er selbst lässt ebenfalls wieder neue Aufgaben auf sich zukommen.

Luft nach oben bei internationaler Resonanz

Fischler hat Alpbach einen wesentlich internationaleren Stempel aufgedrückt. „Das war auch mein Anspruch. Zu Beginn kamen die Gäste und Studenten aus 40 Nationen, heuer aus 134 Ländern.“ Die internationale Resonanz hätte sich hingegen leider nicht im gewünschten Ausmaß eingestellt, „hier muss die Kommunikation noch verstärkt werden“, sieht Fischler Herausforderungen für die Zukunft. Doch wie gesagt: Für ihn ist Alp­bach auch eine ständige Weiterentwicklung.

Stolz ist Fischler auf das unter seiner Präsidentschaft errichtete neue Kongresszentrum. „Es ist eines der modernsten in Europa, die Auslastung beträgt mittlerweile 200 Tage pro Jahr – abgesehen von der heurigen, Corona-bedingten Ausnahmesituation.“ Und budgetär hat der 74-Jährige das Forum auf finanziell abgesicherte Beine gestellt. Das Budget wurde auf drei Millionen Euro verdoppelt, entsprechend konnte mehr in das Forum investiert werden. „Die öffentlichen Mittel machen dabei fünf Prozent aus“, verweist der Forums-Präsident auf die vorwiegend private Finanzierung der Hochschulwochen.

„Europaregion muss sich reformieren"

Und wie sieht sein Blick vom Bergdorf Alpbach, das ja einen großen Reiz des Europäischen Forums ausmacht, auf Tirol aus? „Schützen, Musik, landesüblicher Empfang und dann ein gemütliches Beisammensein ist mir ehrlich gesagt zu wenig. Deshalb haben wir den Tirol-Tag zu den Euregio-Tagen umfunktioniert.“ Mit dem Euregio-Lab hat Fischler Alpbach gleichzeitig zu einer Denkfabrik für die Europaregion Tirol, Südtirol und Trentino gemacht. „Sie muss sich als europäische Region weiterentwickeln, will sie nicht das Schicksal der Arbeitsgemeinschaft der Alpenländer erleiden“, fordert Fischler eine inhaltliche und strukturelle Reform.

2021 besteht der Europäische Verbund für territoriale Zusammenarbeit nunmehr seit zehn Jahren. Das „Jubiläum“ ist für Fischler die Gelegenheit, Weichenstellungen in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit vorzunehmen.


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