Weiße Rosen gegen das Abgründige am Tiroler Landestheater

Carl Maria von Webers romantische Oper „Der Freischütz“ mit unbekannten Ergänzungen eingängig erzählt in einer gefeierten Neuinszenierung am Tiroler Landestheater.

Die siebente Kugel soll Agathe (Susanne Langbein) treffen: In einer schwarzen Messe zelebrieren die Jägersburschen Kaspar (Andreas Mattersberger, unten Mitte) und der labile, verführbare Max (Roman Payer) vor dem Pentagramm des Bösen den Guss der Freikugeln.
© Birgit Gufler

Von Ursula Strohal

Innsbruck – „Die Jagd ist ein uraltes Handwerk. Und so umstritten sie sein mag, so unumstritten ist, dass wir Jäger einem Trieb folgen, der archaisch ist, irrational und unterbewusst.“ So beginnt, bevor am Ende Waidmannsheil gewünscht wird, das Editorial zum deutschen Jägermagazin vom Juni 2019. Ein sinnvoller Ansatz der Zunft, und ebenso durchdacht mit kritischem Ernst hat das Innsbrucker „Freischütz“-Team der Theaterzunft seine Inszenierung. Entstanden ist eine überzeugende Produktion auf heutiger Basis mit historischen Bezügen, mit Seltenheitswert durch die Rezitative von Hector Berlioz und mit psychologischer Logik, die dem Publikum die Geschichte mit Carl Maria von Webers wunderbarer Musik ohne offene Fragen nahelegt.

Ein kleines Schauspiel eröffnet den Abend noch vor der Ouvertüre: Agathe, Tochter des Erbförsters Kuno und Braut von dessen Jägerburschen Max, besucht den Eremiten zum Gebet und erfährt von seiner Vision einer großen Gefahr für das Brautpaar. Er schenkt ihr geweihte weiße Rosen. Weber lehnte die Eremiten-Szenen seines Texters energisch ab. Nun schafft das „Vorspiel“ aber einen Ausgleich zwischen den göttlichen und teuflischen Mächten, erklärt Agathes tiefe Beunruhigung und die Bedeutung der Rosen.

Johannes Reitmeier macht in seiner intensiv gearbeiteten Personenregie Agathes und auch Max’ Ängste schlüssig und nimmt Samiel als Abgesandten der Hölle und des Unterbewussten mit durch die Szenen: personifizierte Bangigkeit, Furcht, Phobie. Denn Max, ein erfahrener Schütze, ist nach unerklärlichem Versagen und viel Spott von einer Prüfungs-Urangst gebeutelt: Für Agathe (und die Erbförsterei) muss er einen Probeschuss bestehen. Nun zeigt Reitmeier auch, wie sehr Max’ Kollege Kaspar Agathe liebt und sie ihn abweist, was ihn zu den dunklen Mächten treibt. In der Wolfsschlucht werden um Mitternacht Freikugeln gegossen, Kaspar hat Max dazu überredet. Eine schwarze Messe mit quälender Prozedur.

Bühnenbildner Thomas Dörfler zeigt einen variablen, stilisierten Wald, in dem Ralp­h Kopps Ausleuchtung eine große Rolle spielt. Dass man sich auf das frühe Biedermeier einigte mit seiner Zeit für das Unheimliche, Geheimnisvolle, zeigen Michael D. Zimmermanns Kostüme.

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Lukas Beikircher an der Spitze des Tiroler Symphonieorchesters Innsbruck schafft mit der Ouvertüre noch kein Glanzstück, steuert dann aber stimmungsvoll und abwechslungsreich durch die Partitur mit ihren von den Solisten herrlich erfüllten Ausdrucksnuancen. Der Chor als rasch zur Ausgrenzung bereite Dorfgesellschaft singt prächtig. Berlioz’ Rezitative fügen sich meistens knapp und bescheiden in den Fluss ein, befremdend nur vor dem singulären Terzett. Mit der Wolfsschlucht und noch einigen gesprochenen Passagen ergibt sich für den „Freischütz“ am Rennweg freilich eine Mischform.

Reitmeier ist den Gefühlen seiner Figuren innig nah, ein wenig Ironie darf sein, wenn er die Tricks von Himmel und Hölle enttarnt. Dem Ännchen widmet er sich besonders, macht ein kluges, etwas behindertes Mädchen daraus, ein Wesen voll Liebe und übergroßer Sehnsucht. Jardena Flückiger singt sie goldrichtig – ein Segen für Agathe, die nicht weiß, ob sie Max noch lieben können wird.

Agathe ist absolut Susanne Langbeins Rolle, die sie mit Hingabe und reinem Sopran-Wohlklang durchlebt. Als labiler Antiheld muss Max keinen Strahletenor abpfeffern. Roman Payer verkörpert die schwierige Partie sehr beachtlich, seelisch, aber nicht stimmlich durch die Zielscheiben-Symbolik erdrückt.

Andreas Mattersberger zeigt mit dunklem Bassbariton und der Aura des erniedrigten Finsterlings Kaspars Dämonie, Andrea De Majo hat das kriechend Schleichende des imaginierten Bösen. Imposant Unnsteinn Árnasons Eremit. Ideal besetzt auch die kleineren Partien mit Alec Avedissian, Joachim Seipp, Ana Akhmeteli, Bernadette Müller, Renate Fankhauser und Dagmara Kołodziej-Gorczyczyn´ska.


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