Unbeugsame Fiebermesser: Künstler verarbeiten Isolation in Corona-Krise

In „Lockout“ formulieren 48 Kunstschaffende ihre Erfahrungen mit der Corona-Isolation. Zu sehen im außergewöhnlichen Ausstellungsort Festung Franzensfeste.

Menschen, die fehlen: Bornefeld porträtierte im Lockdown ihren Sohn. Zu sehen im außergewöhnlichen Ausstellungsort Festung Franzensfeste.
© TT

Franzensfeste – Im Moment können wir nur Fragen stellen, resümiert Heinrich Schwazer im Text zu seiner neuesten Ausstellung. Zu allgegenwärtig ist das Thema noch. Natürlich sind die grassierende Pandemie sowie die Nachwirkungen des Lockdowns das, worüber es bisher keine Antworten gibt. Den Versuch einer künstlerischen Neuvermessung des Alltags hat der Kurator und Journalist mit „Lockout“ unternommen: 48 Südtiroler Künstlerinnen und Künstler zeigen in einer Mammutschau in der Festung Franzensfeste neueste Arbeiten.

Dem Projekt vorausgegangen war die Umfrage „Fiebermesser“, die Schwazer während des Lockdowns in Südtirol machte. Zu unbeugsamen Fiebermessern werden jetzt die künstlerischen Outputs, die noch bis November in Franzensfeste zu entdecken sind. Was sie anzeigen, ist unterschiedlich in Stil und Niveau – von einem Temperaturwechsel zeugen sie jedoch alle.

Viel Menschliches ist zu entdecken, vielleicht auch weil der Kontakt zu anderen am schmerzlichsten vermisst wird: Lois Anvidalfareis Bronze „Eingeklemmt im Lebensfluss“ von 2017/19 wird zum Sinnbild für die Ohnmacht, in der man sich in wochenlanger Isolation wiederfand. Die Folgen dieser Zeit sind bisher höchstens erahnbar: Bei Robert Bosisio verschwimmt die Normalität zur dumpfen Erinnerung.

Gegen das Verblassen malt Julia Bornefeld an, die in „FIGLIO“ 2020 die Distanz zu ihrem Sohn über die Leinwand aufzulösen versucht. Los wird man dieses Bild so schnell nicht mehr: Das Porträt begleitet Besucher über schier endlose Gänge durch die Festung aus dem 19. Jahrhundert. Seit der Manifesta7 (2008) wird der außergewöhnliche Ort zeitgenössisch bespielt. Die 48 Perspektiven von „Lockout“ durchziehen die gesamte Festung, wollen an bröckelnden Wänden und in alten Gewölben entdeckt werden.

Darunter Leonhard Angerers in gedämpftem Schwarz-Weiß gehaltene Porträts seiner menschenleeren Heimatstadt Brixen. Was bleibt, untersucht auch seine Tochter AliPaloma: In „Unter der Maske“ zeichnet sie nach, wie sich menschliche Kommunikation verändert, wenn Mimik sich hinter einem Mundschutz versteckt.

In Sissa Michelis „Waltz for an Abandoned Building ...“ schließlich wird das Gefühl der Isolation in Raum übersetzt. Die Videoinstallation fängt den Lärm der Umgebung ein und lässt Raum und Anwesende als Resonanzkörper gegenwärtiger Veränderungen vibrieren.

Wie macht die Kunstwelt weiter? Wie verändert sich das Werk, wenn Publikum ausbleibt? Wer vermisst wen? Das sind Fragen, die Schwazer mit der Initiative ebenso formuliert, die aber gleichsam unbeantwortet bleiben. „Lockout“ ist definitiv auch ein wichtiges Zeichen gegen das „Aussperren“ von Kultur. (bunt)


Kommentieren


Schlagworte