Selige Rückkehr des Buh-Bravogefechts an der Staatsoper

Endlich wieder Buh- und Bravogefechte! Endlich darf Opernregie wieder Herzensthema der Wiener Streitkultur sein - eine von vielen Wohltaten, die die Wiener Staatsoper Sonntagabend mit der Wiederaufnahme von Peter Konwitschnys „Don Carlos“ ihrem maskierten und im Mindestabstand verteilten Publikum angedeihen ließ. Jonas Kaufmanns Verdi-Debüt am Ring wurde freilich einhellig bejubelt, wobei der Startenor in diesem furiosen Ensemble keine One-Man-Show ablieferte.

Zu stark waren dafür seine Bühnenpartner, von denen viele zum ersten Mal am Ring gastierten. Insbesondere Igor Golovatenko als Rodrigue und Eve-Maud Hubeaux als Eboli begeisterten mit großen, farbigen Stimmen und dichter Bühnenpräsenz, als Elisabeth stellte sich Malin Byström vor, von der man sich neben ihrem formschönen, schlanken Sopran mehr Glut und Herzhaftigkeit gewünscht hätte.

Jonas Kaufmann spielte in der Rolle des Carlos nicht nur die dramatischen Stärken seines vielschattierten Gesangsorgans aus, sondern rief sich auch als Charakterdarsteller in Erinnerung, der lieber einen psychisch instabilen Monarchenspross mit Wachstumspotenzial darstellt, als einen langweiligen Heroen. Und zwischendurch gerne einen durchaus vielversprechenden Komödianten.

Konwitschnys kontroversielle Bebilderung der Ballettmusik durch eine slapstickartige Szene aus der Spießbürgerhölle, stieß bei Teilen des Publikums auch bei der zweiten Wiederaufnahmeserie der Produktion aus 2004 verlässlich auf lautstarke Ablehnung, was minutenlange Gegenbravos und insgesamt vor allem allgemeine Erheiterung auslöste.

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Mit diesem Zwischenspiel, „Ebolis Traum“, verpasst Konwitschny dem fünfstündigen Abend eine schallende dramaturgische Watsche - was freilich nur unterstreicht, wie wirkungsvoll, stimmig und auf dem Punkt er alles rundherum inszeniert hat. Die von Johannes Leiacker kreierte Bühne mit ihrem gnadenlosen weißen Kubus und den allgegenwärtigen kleinen Türen, die von jedem Ein- und Austretenden eine Verneigung fordern, bietet über Stunden Ausstellungsfläche für minutiöse Personenführung.

Kongenialer Partner war Konwitschny bereits bei der Entstehung der Produktion Bertrand de Billy, der gestern seine offizielle Rückkehr an die Staatsoper nach dem Zerwürfnis mit dem ehemaligen Direktor, Dominique Meyer, feierte. Tatsächlich war de Billy bereits in der Vorwoche wegen coronabedingter Umdispositionen bei „L‘elisir d‘amore“ eingesprungen - einen richtigen Wiedereinstand gab es nun ausgerechnet mit jenem Werk, das de Billy hier am Ring zur De-facto-Uraufführung gebracht hat. Denn er rekonstruierte 2004 die wesentlich längere ursprüngliche Fassung der Oper in jahrelanger Beschäftigung und fügte aus der komplizierten Werkgeschichte wieder jene Teile ein, die schon vor der Uraufführung 1867 gestrichen wurden. Mittlerweile wird die so entstandene ursprüngliche Fassung, die mit den längeren Duetten insbesondere zwischen Carlos, Posa und Phillippe nicht zuletzt den politischen Kern des Werks betont, wieder vermehrt gespielt.

Für den seit 2014 vom Ring ferngebliebenen de Billy und das Staatsopernorchester war es ein glückhaftes Wiedersehen. Mit Höhe- und Gipfelpunkten hat Verdi seinen „Don Carlos“ fast schon ermattend überreich beschenkt, doch aus dem Graben klingt das so zielgerichtet navigiert, so abwechslungsreich wogend und so klug in Einklang gebracht mit den Stimmen, dass auch in dieser Langfassung kaum Längen entstehen. Zwei Pausen gab es trotzdem, freilich mit Mund-Nasen-Schutz und unter strenger Coronasittlichkeitskontrolle des Publikumsdienstes. Übrigens: Die Aerosol-Konzentration beim Buh- und Bravorufen könnte ein lohnendes Studienobjekt für die Epidemiologie sein.


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