"Alles fließt" von BAP: Sisyphus rollt den nächsten Stein bergwärts

Wolfgang Niedecken ist fast 70. Auf „Alles fließt“, dem 20. Studioalbum seiner Kölschrock-Band BAP, klingt er relaxed und angriffig zugleich.

Wolfgang Niedecken am Rhein bei Köln. An seiner Heimatstadt hält er fest, in Wort und Dialektgesang.
© Tina Niedecken

Von Markus Schramek

Innsbruck – In den 80ern des vorigen Jahrhunderts tauchte in der Musikszene plötzlich eine neue Fremdsprache auf: Kölsch, der Dialekt der Rheinmetropole Köln. Selbst für Tiroler, in sprachlichen Unschärfen ja durchaus versiert, war das ein kaum verständliches Kauderwelsch, weit weg von dem, was landläufig als Deutsch galt. Doch der aus Köln stammende Sänger und Aushilfsgitarrist Wolfgang Niedecken und seine Band BAP husteten auf eine möglichst große Marktverträglichkeit. Sie verfassten ihre Rocksongs auf Kölsch – und wurden trotzdem zu einem der erfolgreichsten Acts aus deutschen Landen.

Selbst Mitmenschen, die das musikalische Zeitgeschehen nur aus dem Augenwinkel verfolgen, können bis heute „Verdamp lang her“, Niedeckens sentimentale Zwiesprache mit dem verstorbenen Vater, richtig im Songkatalog von BAP verorten. Es ist der größte Hit einer Band, die in den 45 Jahren ihres Bestehens Zeitgeist und Mode großteils ignorierte und daran festhielt, was sie tatsächlich kann: rockige Heuler, nicht besonders kompliziert arrangiert, ideal für Live-Konzerte zum Hüpfen, Shaken, Mitgrölen (Textsicherheit aus schon erwähnten Gründen kein Muss). BAP live, das war und ist ein Ereignis über Stunden, mit Zugaben in der Länge eines eigenen Konzerts.

Verdammt lange her fürwahr. Außer Niedecken ist längst kein Gründungsmitglied mehr mit dabei. Der Chef hat an die 20 Musiker nach- und wieder umbesetzt, er scheint kein einfacher Zeitgenosse zu sein. Niedecken war gesundheitlich schwer angeschlagen, nächstes Jahr wird er 70, doch schon jetzt wirft er ein neues BAP-Album auf den Markt. Ist es ein Anti-Aging nach Musiker-Façon?

„Alles fließt“ heißt das Neu-Werk philosophisch, doch Niedecken rockt, rotzt und wutsingt darauf wie in deutlich jüngeren Tagen.

Er knöpft sich politische Verführer und deren Mitläufer vor, er, der sein Herz nicht nur anatomisch links trägt, der immer schon Pazifist war, Anti-Faschist und mit dem Establishment so gar nichts am Hut haben wollte, auch wenn er mit erhaltenen Auszeichnungen und Preisen mittlerweile sein Wohnzimmer tapezieren könnte.

„Alles fließt“ ist schon das 20. BAP-Studioalbum. Niedecken wirkt mit sich im Reinen, er kokettiert mit einem (= seinem) Alter, in dem andere längst dem Golfspiel frönen oder im Park Tauben füttern (nachzuhören auf dem Track „Jenau jesaat: Op Odyssee“). Er fühlt sich wie „Sisyphus, der unermüdlich Anlauf nimmt“ („Alles zoröck op Ahnfang“), er flötet seiner Frau („Für den Rest meines Lebens“) und Tochter („Mittlerweile Josephine“) schönste, verliebte Töne entgegen. Und er kann immer noch richtig grantig werden, wenn man es sich mit den Jahren allzu bequem gemacht hat („Du häss dich arrangiert“).

Fazit: herrlich retro, herzhaft rockig und durchaus hörenswert, nicht nur für Linguistikstudenten.

Kölsch-Rock BAP: Alles fließt. Vertigo Berlin/Universal.


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