30 Jahre Wiedervereinigung: „Pandemie ähnelt DDR-Leben“

Zwei Drittel sehen die „Deutsche Einheit“ auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch als Baustelle – und weitere Befindlichkeiten.

Die Feierlichkeiten zum Wiedervereinigungsgeburtstag fallen heuer leise aus. Im Bild eine der Installationen in Potsdam.
© imago images/Andreas Gora

Von Gabriele Starck

Berlin, Potsdam – Das Feiern zum 30. Geburtstag der deutschen Wiedervereinigung muss verhalten ausfallen. Am Gottesdienst und dem anschließenden Festakt in Potsdam darf nur jeweils ein Fünftel der ursprünglich vorgesehenen Gäste teilnehmen – des Coronavirus wegen. Aber Kanzlerin Angela Merkel fühlt sich durch die Pandemie ohnehin an ihre Kindheit und Jugend in der DDR erinnert.

So habe die Politik im März sehr stark in die Freiheitsrechte der Menschen eingreifen müssen. „Das waren gravierende Einschränkungen“, sagte Merkel dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Andererseits hätten die Menschen in der DDR „gelernt zu improvisieren, und wir haben uns angesichts vieler Mängel immer gut organisiert. Das sind Fähigkeiten, die einem auch heute helfen.“

Merkel sieht „große Fortschritte bei der Angleichung des Lebensstandards“ in Ost und West. Der Baden-Württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und sein sächsischer Kollege Michael Kretschmer (CDU) sehen die deutsche Einheit sogar als vollendet an – in den Köpfen und materiell. Wir können uns jetzt gemeinsamen Zukunftsaufgaben widmen“, sagte Kretschmer in einem gemeinsamen Interview für mehrere Zeitungen. Der Grüne Kretschmann meint gar: „Wir haben kein Ost-West-Thema mehr.“

Mit dieser Ansicht sind die beiden Länderchefs allerdings in der Minderheit. Denn noch immer wird die „Deutsche Einheit“ von der Mehrheit der Bundesbürger als Baustelle wahrgenommen. Knapp zwei Drittel halten das Zusammenwachsen von Ost und West keineswegs für abgeschlossen, wie eine YouGov-Umfrage im Auftrag der dpa ergab. Dazu sei der Unterschied der Lebensverhältnisse noch zu groß. Im Gebiet der ehemaligen DDR sagen das sogar 83 Prozent.

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Auch wünscht die große Mehrheit, sich weiterhin mit der DDR auseinanderzusetzen. 83 Prozent sind dafür, sich in öffentlichen Diskussionen oder im Schulunterricht mit der Vergangenheit zu beschäftigen, wie eine Forsa-Studie im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur ergab. Auch bei Forsa sind vor allem die Menschen in Ostdeutschland der Ansicht (73 Prozent), dass das Trennende noch überwiegt.

Laut jüngstem Einheitsbericht sieht etwa die Hälfte der Deutschen zwischen Ost und West immer noch mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Fast gleich viele sehen das allerdings auch zwischen Nord und Süd so.

„Ostdeutsche haben es sehr viel schwerer“

Es habe sich komisch angefühlt heute vor 30 Jahren, erinnert sich der Rheinländer Andreas Maurer, Professor für Politikwissenschaften und Europäische Integration an der Uni Innsbruck. Er sei damals Student in Frankfurt gewesen und hätte es ganz toll gefunden, solange die Menschen in der DDR auf die Straßen gingen. Die so genannte Wiedervereinigung allerdings sei ihm überfallsartig und eben komisch vorgekommen. Denn die „neuen Bundesländer“ seien ja letztlich „der Bundesrepublik beigetreten“.

„Die Menschen fühlen sich heute allein gelassen und nicht abgeholt“, sagt Maurer. Das alles mache es der AfD einfach, in das Vakuum hineinzustoßen. Dazu komme, dass die Christdemokraten, aber auch die Liberalen über keine gewachsene Mitgliederbasis im Osten verfügten. Viele ihrer Politiker säßen zwar auf einem Parteiticket, aber das heiße nicht viel.

Für Maurer ist das, was im Westen oft als ostdeutsche Jammerei abgetan wird, durchaus berechtigt. Wolle man als Ostdeutscher Karriere machen, müsse man ins Ausland gehen, spitzt Maurer das Problem zu. Denn in Deutschland selbst habe es ein Ostdeutscher nach wie vor um ein Vielfaches schwerer aufzusteigen. „Vor 30 Jahren wurde die komplette Elite ausgetauscht, alle wichtigen Positionen wurden mit Westdeutschen besetzt“, erinnert sich Maurer. Bis heute habe sich daran kaum etwas geändert.

Dafür habe die Wiedervereinigung die Entwicklung massiv beschleunigt, dass Frauen in Deutschland nicht mehr als Rabenmütter verunglimpft werden, wenn sie arbeiten gehen.

Wo Ostdeutschland ohne Wiedervereinigung vor 30 Jahren heute stünde? Maurer ist überzeugt, dass dann irgendwann auch über eine Wiedervereinigung verhandelt worden wäre – der Osten dann aber aus der Position eines souveränen, wenn auch ärmeren EU-Staates heraus.


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