Gemeinsame Obsorge für Kinder: Bei Gewalt geht Opferschutz vor Elternrechte

90 Prozent der Scheidungen sind einvernehmlich. Gewalt schließt gemeinsame Obsorge aus. Opfer schildern aber Probleme, ihre Kinder zu beschützen.

Gewalt in Familien wird immer noch tabuisiert, gerade in Tirol. Im Gewaltschutzzentrum wurden heuer bisher 899 Frauen und 188 Männer beraten, wobei Männer meist Opfer von männlicher Gewalt sind. Geteilte Obsorge ist bei Gewalt hochproblematisch.
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Von Alexandra Plank

Innsbruck – Die gute Nachricht: Der Löwenanteil der Eltern, die sich trennen, schafft es eine Lösung für die Kinder zu finden. Auch weil sie frühzeitig Hilfe in Anspruch nehmen, wie Barbara Baumgartner von Rainbows-Tirol betont. Die schlechte Nachricht: „Wenn in einer Beziehung Gewalt im Spiel war, ist es sehr schwer für das Opfer, das alleinige Sorgerecht zu bekommen“, sagt Andrea Czak vom Verein feministische Alleinerzieherinnen.

Seit der Familienrechtsreform 2013 hätten geschiedene Eltern automatisch die gemeinsame Obsorge für die Kinder. „94 Prozent aller Alleinerziehenden in Österreich sind Frauen. Viele Mütter stehen unter enormem Druck. Oft willigen sie in für sie ungünstige Vereinbarungen ein, um einen Verzicht auf gemeinsame Obsorge zu erreichen.“

Gewalt gegen Frauen werde oftmals von Familienrichtern übersehen, miterlebte Gewalt gelte nicht als Kriterium, um die gemeinsame Obsorge zu entziehen. Frauen müssten mit den Ex-Partnern wegen der Kinder in Kontakt bleiben und fühlten sich ohnmächtig, diese zu schützen. „Es braucht eine Schulung der Familienrichter hinsichtlich des Umgangs mit dem Thema Gewalt“, fordert Czak.

Bei Gewalt gegen Frauen muss man mitdenken, dass auch Kinder Gewalt erleben.
Gabi Plattner (Tiroler Frauenhaus)

Gabi Plattner, Geschäftsführerin des Tiroler Frauenhaus, stellt klar: Bei häuslicher Gewalt müsse die gemeinsame Obsorge sehr sorgfältig entschieden werden, ein ausreichendes Wissen über Gewaltdynamik in Familien sei nötig. „Bei Gewaltbeziehungen bedeutet gemeinsame Obsorge die Möglichkeit, weiterhin Kontrolle und Druck auszuüben.“

Wenn Gewalt gegen Frauen passiere, müsse man mitdenken, dass auch die Kinder Gewalt erleben, entweder direkte oder indirekte. Insider berichten, dass in Tirol oft unerfahrene Richter mit dieser hochsensiblen Materie betraut werden. Schon im Vorfeld eines Gerichtsstreites gibt es aber eine Reihe von Ins­titutionen, die Mediation anbieten und auch die Möglichkeit der Besuchsbegleitung (Besuche in geschütztem Rahmen).

Eine Mutter, die seit Jahren auch um das alleinige Sorgerecht für ihr Kind kämpft, der Vater habe ein Alkoholproblem und sei gewalttätig geworden, erklärt indes, sie habe die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass es nicht möglich sei, das eigene Kind zu beschützen. Sie fühle sich auch von den Institutionen im Stich gelassen.

Michael Pilgram, vom Bezirksgericht Innsbruck, erklärt, Österreich sei im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hinsichtlich gemeinsamer Obsorge rückständig. Er gesteht ein, dass „es wenige höchst strittige Fälle gibt, die dramatisch sind“. Hier sei die Familiengerichtshilfe, die Einbeziehung von Psychologen und Sozialarbeitern, ein gutes Konzept.

Es gibt wenige höchst strittige Fälle. Die Familiengerichtshilfe ist ein gutes Konzept.
Michael Pilgram (Bezirksgericht Innsbruck)

Laut Kinderpsychologin Baumgartner ist die Elternkooperation nach einer Trennung meist herausfordernd, bei hochstrittigen Fällen würden Kinder unglaublich belastet. „Der Kontakt zu Mama und Papa ist wichtig, Kinder, die häufig wiederkehrenden traumatisierenden Situation ausgesetzt sind, weil ein Elternteil gegenüber dem anderen Gewalt ausübt, können aber eine bis zu zehn Jahre verkürzte Lebenszeit aufweisen.“ Das Wichtigste sei Prävention: „Es wäre gut, den bestehenden Eltern-Kind-Pass um psychologische Unterstützung zu erweitern.“

Paul Scheibelhofer von der Allianz für Frauen- und Männerarbeit (AFM) fasst das Problem abschließend so zusammen: „Es ist wichtig, dass Eltern zu gleichen Teilen Verantwortung übernehmen. Wenn aber Gewalt im Spiel ist, muss man hinschauen und die Opfer der Gewalt, Erwachsene wie Kinder, schützen.“

4 Fragen an ... Eva Pawlata, Gewaltschutzzentrum

1. Ist die gemeinsame Obsorge aus Sicht des Gewaltschutzes problematisch?

Mehr als 90 % der Scheidungen in Österreich sind einvernehmlich. Ein großer Teil und die getroffenen Vereinbarungen bezüglich Obsorge verlaufen unproblematisch. Da Eltern auch nach der Scheidung weitgehend gleiche Rechte und Pflichten hinsichtlich ihrer Kinder haben sollen, ist die gemeinsame Obsorge grundsätzlich nicht abzulehnen.

2. Würde ein Kontaktrecht reichen?

Es ist auch mit Pflichten gegenüber den Kindern verbunden. So wie die Obsorge nicht nur Rechte des nicht im Haushalt lebenden Elternteils umfasst, sondern auch Pflichten. Das wird oft vergessen, die Obsorge mit dem Recht, alles mitbestimmen zu dürfen, verwechselt. In konfliktbehafteten Familien wird die gemeinsame Obsorge schwieriger umzusetzen sein.

3. Gewalt ist ein Ausschlusskriterium für gemeinsame Obsorge. Werden Opfer ausreichend geschützt?

Es ist unerheblich, ob Kinder direkte Opfer von Gewalt sind oder diese „nur“ miterleben mussten. Die Auswirkungen sind die gleichen. Bei familiärer Gewalt braucht es einen „räumlichen“ Schutz der Kinder. Ob eine gemeinsame Obsorge dennoch möglich ist, hängt auch damit zusammen, wie sich der Umgang der Ex-Partner zueinander entwickelt. Oft werden Kinder als Spielball von Gefühlen der Erwachsenen missbraucht und das Recht auf Obsorge dazu verwendet, dem anderen das Leben schwerzumachen.

4. Wie schwierig ist es, Gewalt nachzuweisen?

Es ist oft schwierig, da Opfer sehr lange schweigen und den Gerichten keine verwertbaren Grundlagen zur Feststellung von geschehener Gewalt vorliegen. Die gedankliche Verbindung zwischen familiärer Gewalt und Ausschluss der gemeinsamen Obsorge ist weder gesetzlich noch in der Rechtsprechung gegeben. Miterlebte Gewalt auf Seiten der Kinder ist als Kriterium, die Obsorge bei nur einem Elternteil zu belassen, bei den Gerichten nicht gängige Entscheidungspraxis.

Das Interview führte
 Alexandra Plank


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