„Ein bisschen bleiben wir noch“: Bittersüße Odyssee

Der Film „Ein bisschen bleiben wir noch“ berichtet vom Schicksal einer jungen Flüchtlingsfamilie in Wien.

Der Rebell Oskar (Leopold Pallua) und seine Schwester (Rosa Zant) suchen nach einer Heimat.
© Filmladen

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Oskar und Lil­li sind gekommen, um zu bleiben. Die beiden Kinder flüchteten mit ihrer Mutter aus Tschetschenien nach Wien, gehen dort in die Schule, sprechen Deutsch, lieben Schnitzel. Ein österreichischer Alltag, hinge der Ausweisungsbescheid nicht wie ein Damoklesschwert über der jungen Familie. Der gescheiterte Selbstmordversuch der Mutter zögert die Abschiebung zwar hinaus, die Familie wird dadurch aber getrennt: Oskar (Leopold Pallua) und Lilli (Rosa Zant) finden in unterschiedlichen Pflegefamilien Zuflucht, halten geheim aber Kontakt. Eine bittersüße Odyssee beginnt.

„Ein bisschen bleiben wir noch“ erzählt von der aussichtslosen Suche nach einer Heimat, frei nach dem Roman „Oskar und Lilli“ von Monika Helfer. Die Austro-Produktion von Arash T. Riahi, die beim diesjährigen Filmfestival Kitzbühel Österreich­premiere feierte und dort als bester Spielfilm ausgezeichnet wurde, ist jetzt in den heimischen Kinos zu sehen.

Die Geschichte der jungen Flüchtlingsfamilie berührt tief, auch weil der Zuseher das Schicksal aus nächster Nähe, vom Gesichtspunkt der Kinder aus, miterlebt. Man beobachtet Oskar, der bei seinen schön überzeichneten Bobo-Pflegeeltern das vegetarische Mittagessen mit der Lupe nach dem geliebten Fleisch abscannt; man ist hautnah dabei, als Lilli sich in allabendlichen Panikattacken den Unterarm blutig kratzt.

📽️ Trailer | „Ein bisschen bleiben wir noch“

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Durchatmen vom psychischen Druck können die beiden (und die Zuseher) aber in etlichen magischen Momenten, die den Film so besonders machen: Licht, das durch das rote Zuckerlpapier leuchtet, Alltagsobjekte, die Gesichter werden, Kaugummireste, die den Ausblick mit dicken Tränen füllen. Es kommt immer auf die Perspektive an.

Die Schönheit der Bilder wird aber schnell von der Realität zerschlagen: Der kreative Rebell Oskar findet in der an Parkinson erkrankten Pflege-Großmutter (Christine Ostermayer) eine Bezugsperson, die aber nur noch sterben möchte; Lillis Schulfreundin (Anna Fenderl) klaut für ihre drogenabhängige Mutter. Lichtblicke gibt es in diesen Leben nur wenige. Umso erstaunlicher, wie die brillanten Jungdarsteller ihr Rollenschicksal beharrlich fortschreiben.

Bei Riahi haben sich Flucht­erfahrungen in sein filmisches Werk eingeschrieben, mit Erfolg: Sein Spielfilm „Ein Augenblick Freiheit“ wurde 2010 ins Oscar-Rennen geschickt. Mit „Ein bisschen bleiben wir noch“ fügt Riahi seinem Oeuvre eine märchenhafte Facette hinzu. Ein Film, der das Verlorensein bebildert, magisch und brutal real.


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