Initiative ortet Handlungsbedarf: Suchthilfe in Tirol an Realität anpassen

Das Bündnis „Drogentod ist kein Schicksal!“ sieht dringenden Handlungs- und Modernisierungsbedarf bei Drogenprävention und Suchtkoordination.

Bei der Drogensucht handelt es sich um eine Krankheit, die sich nicht von heute auf morgen heilen lässt, betonen die Bündnis-Initiatoren.
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Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck – Der Drogentod eines Mädchens Mitte August in Telfs hat das Land schockiert – war es doch mit gerade einmal 13 Jahren das jüngste je in Tirol registrierte Suchtmittelopfer. Der Tod des Mädchens war aber auch Anlass für Ärzte, Sozialarbeiter und Betroffene, sich zum Bündnis „Drogentod ist kein Schicksal!“ zusammenzuschließen und auf Probleme im Umgang mit suchtkranken Menschen in Tirol hinzuweisen.

„Grundsätzlich haben wir in Tirol ein gutes Suchthilfesystem“, betont Ekkehard Madlung-Kratzer, stationsführender Oberarzt für Drogentherapie in Hall. „Aber die Anpassung an die aktuelle Situation ist etwas zurückgeblieben.“ Das 2012 erarbeitete Tiroler Suchtkonzept müsste seiner Ansicht nach gründlich evaluiert und dann mit entsprechenden Anpassungen zeitgemäß fortgeschrieben werden. „Es bräuchte außerdem eine eigene Suchtkoordinationsstelle, die das immer weiterentwickelt“, fordert Madlung-Kratzer. Er selbst sei in seiner täglichen Arbeit mit viel Leid, Elend und dem Sterben suchtkranker Menschen konfrontiert. Die Sterblichkeit bei Drogenkranken ist um das Zehn- bis 20-Fache höher. „Das liegt aber nicht an der Hilflosigkeit der Medizin, denn wir kennen die notwendigen Maßnahmen“, betont der Oberarzt. Die Gründe, warum diese nicht umgesetzt werden, liegen oft in moralischen und politischen Vorstellungen. „Überdosierung ist jedenfalls eine der am vermeidbarsten Todesursachen.“

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Ähnlich sieht das auch Sozialarbeiterin Daniela Weissbacher. Gesellschaftliche, politische und juristische Repression verhindere vieles und führe bei Betroffenen oft zu einer Verschärfung der Situation. „Suchtkranke Menschen sind keine Verbrecher. Sie sind in erster Linie Menschen, die unter einer schweren psychischen Erkrankung leiden und unsere Hilfe und Unterstützung verdienen“, betont sie. Vor allem Jugendliche würden verteufelt, wenn sie Drogen konsumieren – mit oft massiven Folgen für die Betroffenen. „Sie fliegen aus der Schule, weil sie Drogen konsumieren“, sagt Weissbacher und warnt vor einem Teufelskreis, der damit in Gang gesetzt wird: „Die Eltern sind überfordert und setzen das Kind auf die Straße.“

Die Folgen: Wohnungslosigkeit, Arbeitslosigkeit und soziale Isolation. „Dabei sind es genau diese Strukturen und Perspektiven, die massiven Einfluss auf die Chancen haben, wieder gesund zu werden“, sagt Mediziner Ekkehard Madlung-Kratzer.

Gerhard Jäger ist Drogenberater im Innsbrucker Jugendzentrum Z6. Er kritisiert, dass es im Jugendbereich zu wenige Angebote beim Wohnen und in der Jugendpsychiatrie gibt: „In fast allen Einrichtungen ist der Substanzkonsum ein Ausschlussgrund.“ Jäger fordert einen Ausbau der selektiven Prävention, mit der man im Z6 gute Erfahrungen gemacht habe. Dort gibt es das Angebot des Drug-Checkings, bei dem Konsumenten ihre Drogen auf gefährliche Substanzen oder Überdosierung testen lassen können. Dabei komme man mit den Konsumenten in Kontakt und könne früh Hilfe anbieten.


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