Kunstpreisträgerin Barbara Hundegger: Sprachgrabungen ohne Buchdeckel

Die Lyrik der diesjährigen Kunstpreisträgerin Barbara Hundegger fand immer wieder Wege in öffentlichen Raum.

Der Bau des Brennerbasistunnels beschäftigte Barbara Hundegger bereits 2010 in ihrem Zyklus „tunnel ende“.
© Thomas Boehm / TT

Innsbruck – Dass der Weg hin zum Werk für Schreibende wie Rezipierende bisweilen Mühe macht – geschenkt. Ungleich teurer wird’s, wenn die Zufahrtsstraße zum Werk gleich weggerissen wird. Als – vor ziemlich genau zehn Jahren – Barbara Hundeggers „tunnel ende“ in einem Sicherheitsstollen der Brennerbasistunnel-Baustelle bei Schwaz realisiert wurde, geschah genau dies: Eines Tages war die Zufahrtsstraße zum Tunneleinstieg weg.

Hermetischer – und damit so gar nicht „bahu“, wie Hundegger sich in arte nennt – lässt sich Lyrik kaum denken: Vergraben in einem Stollen, zu dem keine Straße führt. Doch der Weg war schnell wieder da – die Straße wurde eben einfach wieder hingebaut. „Das geht mir als Bild dafür, was alles möglich ist, wenn die Ressourcen da sind und die betreffenden Stellen etwas wirklich wollen, nicht mehr aus dem Kopf“, erinnert sich Hund­egger. Die Baustelle wurde doch noch zum begeh- und erfahrbaren Kunstort, der Tunnel – gewissermaßen im doppelten Sinn – zum ganz realen Möglichkeitsraum.

Barbara Hundegger erhielt gestern den Landespreis für Kunst.
© Aichner

Möglichkeitsräume hat Barbara Hundegger, der gestern der mit 14.000 Euro dotierte Landespreis für Kunst verliehen wurde, immer wieder eröffnet. Hundeggers Public-Poetry-Projekte, die Poetisierung des öffentlichen Raums, sind ein wichtiger, allzu oft wenig beachteter Teil ihres Werks – Literaturberichterstatter bevorzugen das Blättern und neigen bisweilen doch zum Stubenhocken.

Nicht nur an der Jahrhundertbaustelle hat sie sich abgearbeitet, Jahre später etwa bespielten, sprich, befragten sie und Christine S. Prantauer mit „PAMPA PAMPA“ (2015) einen weiteren (Un-)Ort, eine seit Jahren brachliegende Wiese in der Innsbrucker Höttinger Au.

Wie ihre gedruckte Lyrik – ihre zuletzt hochgelobten Zyklen „wie ein mensch der umdreht geht“ und „[anich.atmosphären.atlas]“ zum Beispiel – haben auch Hundeggers Interventionen im öffentlichen Raum nichts ornamental Schmückendes, sondern sind das Produkt penibler Recherche, die Hintergründe nach vorne holen und tief in der Sprache vergrabene Verbindungen sichtbar machen.

Hundegger geht den Gegenständen, die sie bearbeitet, auf den Grund. Das macht ihre Lyrik, egal ob auf Tunnel- oder Plakat- oder 2017 an Literaturhauswänden oder zwischen zwei Buchdeckel geklemmt, aus: Man kann sie immer wieder lesen und immer wieder neu lesen. Jedes Mal finden sich andere Weg durch den Text. Selbst wenn für den Weg zum Text schon mal eine neue Straße gebaut werden muss. Auch so viel Aufwand lohnt. (jole)


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