„Kabale und Liebe“ am Landestheater in Innsbruck: Ein bürgerliches Endspiel

Abgründe ohne schicksalsergebenen Schnickschnack: Schillers „Kabale und Liebe“ am Tiroler Landestheater.

Marion Fuhs als Lady Milford und Florian Granzner als Ferdinand in der Landestheaterproduktion „Kabale und Liebe“.
© Birgit Gufler

Innsbruck – „Satanisch fein gewebt“, wie es an einer Stelle heißt, sind nicht nur die titelgebenden Kabalen, die Intrigen also, sondern die ganze Inszenierung: Im Großen Haus des Tiroler Landestheaters wird seit Samstag „Kabale und Liebe“ gespielt, Friedrich Schillers stürmisch-drängende Abrechnung mit Prunksucht und Privilegien besseren Bluts, seine Untersuchung einer unmöglichen Liebe, die von innen wie von außen bedroht wird – und nur enden kann, wie sie enden muss: in der Katastrophe.

Beim jungen Schiller – er war 25, als „Kabale und Liebe“ 1784 zur Uraufführung kam – gab es, das lässt sich in seiner etwa zeitgleich entstandenen „Schaubühnen“-Denkschrift nachlesen, noch eine überirdische Ordnung allzu irdischer Niedertracht. So viel Gottvertrauen verbittet sich Rudolf Frey in seiner – nach „Die lächerliche Finsternis“ und „Der Menschenfeind“ – dritten, eindrücklichen Regiearbeit am Landestheater: Am Plafond über der Bühne öffnet sich ein schwarzes Loch, das Akt für Akt bedrohlich näher kommt, bis es die Akteure im Finale vollends umschließt. Es ist mehr als ein bürgerliches Trauerspiel, das sich hier entfaltet. Man wohnt einem Endspiel bei.

Bühnenbildner Vincent Mesnaritsch hat die Spielfläche fast leer geräumt. Einige Glasvitrinen stellen Deutungsansätze aus: Dokumente wurden geschreddert, ein Schaf, ein Opferlamm vielleicht, wurde ausgestopft. Frey und sein Team haben das Stück, seine Dringlichkeit und Sprachgewalt griffig verdichtet. Die Kostüme von Elke Gattinger bieten Orientierung, ohne zwanghaft zu verorten – und sie erlauben Irritationsmomente. Warum fehlt dem schmierlappigen Typen, der nicht von ungefähr Wurm heißt, plötzlich das Shirt unter dem Sakko?

Weil Ausstattung und Dekor reduziert sind, schaut man genauer hin, hört noch konzentrierter zu, wird immer tiefer in das Drama hineingezogen. Das Stück, der Klassiker, dieses fraglos trotzige Kind seiner Zeit, kommt schmerzhaft nahe, fesselt, tut weh. Und bleibt doch klinisch genaue Analyse, eine Studie menschlicher Abgründe. Auch dank des Ensembles: Marion Fuhs zeigt ihre Lady Milford als vielfach versehrte Frau, die Haltung bewahrt hat. Daniela Bjelobradic darf bei ihrem Landestheaterdebüt als Milfords fein ausgestaltete Zofe glänzen. Raphael Kübler ist als der bereits erwähnte Oberintrigant Wurm einmal mehr bestechend – besonders, wenn er von den Konsequenzen, die seine Konsequenz zeitigt, überrascht scheint. Johannes Gabl spielt den ruchlosen Patriarchen: aristokratisch kühl. Da versteht sich einer aufs Anpatzen – und hat gelernt, den Schein zu wahren. Fein und frei von allzu offensichtlichem Pathos geben Ulrike Lasta und Jan Schreiber die Eltern der zum Unglück verdammten Luis­e, die einer glücklosen Liebe im Jetzt die Hoffnung aufs Jenseits vorzieht. Christina Constanze Polzer gelingt es, sie zum durchwegs begreifbaren Charakter auszuformen. Im Zentrum schließlich steht Ferdinand (Florian Granzner), der gegen seine strategisch kluge Vermählung ankämpft – und wahnhaft wüten darf, ohne schicksalsergebenen Schnickschnack. Auch für Granzner ist „Kabale und Liebe“ die erste Produktion am Landestheater. Als neues Ensemblemitglied debütiert er mit einer beeindruckenden Performance. Tom Hospes überzeugt als Hofmarschall, der eher zufällig ins Netz der Intrige gerät – und beinahe mit dem Leben bezahlt. Michael Arnold hat als in der Verlautbarung abgründiger Neuigkeiten abgebrühter Kammerdiener einen schönen Gastauftritt. (jole)


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