Berg-Karabach: Armenien meldet Großangriff Aserbaidschans

Ungeachtet internationaler Appelle zu einer Waffenruhe in der Konfliktregion Berg-Karabach gehen die Kämpfe weiter. Beide Seiten berichteten am Samstag von schweren Gefechten. Nach Darstellung Armeniens rückten Truppen des Nachbarlandes aus mehreren Richtungen „mit starken Einheiten“ in der Region vor. Das Verteidigungsministerium in Eriwan sprach von „heftigen Kämpfen“. Das Verteidigungsministerium in Baku wiederum berichtete von Beschuss durch gegnerische Streitkräfte.

Zu neuen Opferzahlen wurde zunächst nichts bekannt. Bisher sind bei den Kämpfen im Südkaukasus nach armenischen Angaben in Berg-Karabach deutlich mehr als 200 Menschen getötet worden. Zu diesen Angaben gab es allerdings abweichende Informationen. Aserbaidschan zählte zuletzt nach eigenen Angaben 19 tote Zivilisten und 60 Verletzte.

Seit fast einer Woche liefern sich die beiden verfeindeten Staaten schwere Gefechte in dem von Armenien kontrollierten Gebiet in Aserbaidschan. Diese gehen weit über die Scharmützel hinaus, die es zuletzt immer wieder in der Region gab. Beide Seiten schieben sich gegenseitig die Verantwortung für die neuerliche Eskalation zu.

Nach armenischer Darstellung hat Aserbaidschan weitere Kräfte in das Konfliktgebiet hinzugezogen. Baku bestätigte dies zunächst nicht. Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev teilte nach einem Telefonat mit seinem französischen Kollegen Emmanuel Macron mit, seine Armee habe besetzte Gebiete befreit. Zugleich warf er dem Nachbarland vor, die Verhandlungen über die Beilegung des Konflikts zu behindern.

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Aus Kreisen des Élysée-Palastes in Paris hieß es, Macron habe bei dem Gespräch erneut zu einer Waffenruhe aufgerufen. Es müsse dafür gesorgt werden, dass die Verhandlungen unter dem Dach der sogenannten Minsk-Gruppe der Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OSZE) wieder aufgenommen werden, forderte Macron. Dabei vermitteln Frankreich, Russland und die USA in dem jahrzehntealten Konflikt zwischen den beiden Ex-Sowjetrepubliken.

International wächst die Sorge vor einem Flächenbrand mit Beteiligung islamistischer Terroristen aus Syrien und Libyen. Armenien hatte der Türkei zuvor vorgeworfen, Tausende Söldner aus den Kriegsgebieten in Syrien und Libyen in den Südkaukasus verlagert zu haben. Auch Russland hatte von plausiblen Hinweisen darauf gesprochen.

„Das sind Falschnachrichten“, sagte Aliyev dazu in einem Interview mit dem Fernsehsender Al-Jazeera. Es sollten Beweise vorgelegt werden. Es gebe keinen einzigen Beweis für ausländische Kämpfer in Aserbaidschan. „Was wir machen, machen wir selbst“, meinte der Präsident. Auch die Türkei sei nicht in den Konflikt verwickelt.

Die Türkei steht in dem Konflikt auf der Seite des mehrheitlich turksprachigen Aserbaidschans, während Armenien Russland als Schutzmacht sieht. Die beiden Länder kämpfen seit Jahrzehnten um die bergige Region, in der rund 145.000 Menschen leben. Berg-Karabach wird von Armenien kontrolliert, gehört aber völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. Dazu bestehen zwischen Armenien und der Türkei wegen des von Ankara nicht als solchen anerkannten Genozids an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs fortwährende tiefgreifende Spannungen.

Der Konflikt um Berg-Karabach reicht in die Frühzeit der Sowjetunion zurück. Aufgrund eines Dekrets von Josef Stalin wurde Berg-Karabach 1923 ein Autonomes Gebiet der Aserbaidschanischen SSR. Die Armenier, als überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, waren mit dieser Entscheidung jedoch nicht einverstanden.

In einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor rund 30 Jahren verlor Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet. Es wird heute von christlichen Karabach-Armeniern bewohnt. Seit 1994 gilt eine brüchige Waffenruhe. Diese könne aber nicht einseitig erreicht werden, meinte der aserbaidschanische Präsident. „Wir mussten uns verteidigen“, behauptete er in Richtung Armenien.

Aliyev bezeichnete Verhandlungen mit dem armenischen Regierungschef Nikol Paschinjan als sinnlos und forderte die unverzügliche Rückgabe der Region. Er sagte: „Wir haben keine Zeit, noch weitere 30 Jahre zu warten. Der Konflikt muss jetzt gelöst werden.“


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