„Die Sedierten“: Restleben in der betongrauen Kleinstadthölle

Martin Plattners neues Stück „Die Sedierten“ wurde am Samstag in Linz uraufgeführt. Im Bild: Gunda Schanderer als „Nachtschwester“.
© Brachwitz

Linz – „Mich interessiert: das Sowohl-als-auch“, beschreibt der 1975 in Zams geborene Martin Plattner sein Verfahren zur Herstellung hochgradig sprach-dichter, stets zwischen den Polen Tragik und Komik, Sozialkritik und Groteske angesiedelter Texte. Nach dem Erfolg seines Dramas „rand: ständig“, dem Regisseurin Tanja Regele im vergangenen Jahr in Linz mit großer Sensibilität für Plattners Sound begegnete, feierte am Samstag – als Auftragswerk des Landestheaters Linz – das Prekär-Drama „Die Sedierten“ seine Uraufführung.

Erneut gibt der Autor seelisch Ausgesteuerten und gesellschaftlich Abgehängten eine Stimme. Er lädt ein in die betonierte Vorgartenwelt von vier „Restlebensverwalterinnen“, deren heimelige Tristesse durch die kommunale Verschönerungsmaßnahme einer Gehsteigverbreiterung aus dem Gleichgewicht gerät. Die brüchige Balance zu halten in einem engen Leben zwischen häuslichem Unglück, beruflicher Überforderung und Langzeitarbeitslosigkeit, zwischen Häferlkaffee und Beuschel gelingt nur mit einem beeindruckenden Arsenal an heftigen Helferlein. „Senfglaslgelb“, „Hinigerkanarienvogelgelb“ oder „Zigarettenfingergelb“ sind die Aufputscher und Angsthemmer, die Beruhigungs- und Schlaftabletten, die das sich untereinander höchst unholde Frauen-Quartett einwirft.

Der Fußfessel-bewehrte Sohn (Jakob Kajetan Hofbauer) der „Frau auf Gartenliege“ (Johanna Orsini-Rosenberg), „Rauschkind“ und „spinnerter Spanner“, der in Mutters Vorgarten in einem Erdloch vegetiert, versetzt sich zudem mit Pattex-Schnüffeln in den einzig erträglichen Schwebezustand. Das (Halb-)Schwesternpaar „Frau vom Fenster“ (Eva-Maria Aichner als Abziehbild der Golden-Girls-Sophia) und „Nachtschwester“ (Gunda Schanderer) ist fatal aneinandergekettet. So wie die Nachbarin an ihren Sohn und die einsame, lichtempfindliche „Frau hinter Rollladen“ (Katharina Hofmann) an ihren Ex-Mann.

Martin Plattner, Preisträger des Hilde-Zach-Literaturstipendiums der Stadt Innsbruck 2019, erschuf mit „Die Sedierten“ eine berührend-bizarre Text-Welt, allein wird diesem Kosmos in der Inszenierung des Linzer Schauspielchefs Stephan Suschke nicht entsprochen. Zu wenig hält er sein durchwegs patentes Ensemble an, sich lustvoll einzugraben in Plattners Wort- und Figuren-Erfindungen, zu sehr setzt der Regisseur auf Pointe wie Effekt und verschenkt so die Kraft des Stückes wie jene der Darsteller. (lietz)

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