Millionen Leben gerettet: Medizin-Nobelpreis für Hepatitis-C-Forscher

Die US-Amerikaner Harvey J. Alter und Charles M. Rice sowie der Brite Michael Houghton sind die Medizin-Nobelpreisträger 2020. Mit der Bekanntgabe eröffnete das Komitee am Montag die Nobelpreis-Woche.

Komitee-Mitglied Patrik Ernfors vor dem Screen, auf dem die Gewinner gezeigt werden.
© AFP/Nackstrand

Stockholm – Der Nobelpreis für Medizin geht heuer an Harvey J. Alter (USA), Michael Houghton (Großbritannien) und Charles M. Rice (USA) für ihre Beiträge zur Entdeckung des Hepatitis-C-Virus. Das gab das Nobelpreiskomitee am Montag in Stockholm bekannt. In Summe machten die drei Forscher "wegweisende Entdeckungen, die zum Nachweis eines neuen Virus führten - Hepatitis-C", so die Begründung. Ihre Arbeit habe "Millionen Leben gerettet", so Gunilla Karlsson Hedestam vom Karolinska Institut.

Dank der Entdeckungen der drei Preisträger könne Hepatitis-C jetzt zwar in sehr vielen Fällen geheilt werden, es sei aber weiter ein großes globales Gesundheitsproblem, hieß es seitens des Komitees. Als "natürlich überfällig" bezeichnete der Hepatologe Michael Trauner von der Medizinischen Universität Wien die Zuerkennung gegenüber der APA: "Das war einer der absolut durchbrechenden Erfolge in der Medizin."

📽️ Video | Die Verkündung

Erkenntnisse der Forscher zeigten Herkunft der Krankheiten

Das Virus kann sowohl eine akute als auch chronische Hepatitis verursachen. Der Schweregrad kann dabei von einer leichten, einige Wochen dauernden bis hin zu einer schweren, lebenslangen Erkrankung reichen. Viele chronisch Erkrankte bekommen Leberzirrhose oder Leberkrebs. Das Hepatitis-C-Virus (HCV) wird durch infiziertes Blut übertragen: Dies kann etwa bei intravenösem Drogenkonsum, durch Bluttransfusionen oder bei Sexualpraktiken erfolgen. Der häufigste Übertragungsweg in Österreich ist laut gesundheit.gv.at heute intravenöser Drogenkonsum, etwa wenn Spritzen von mehreren Personen benutzt werden.

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📽️ Video | Nobelpreis für Entdecker des Hepatitis-C-Virus

Erst die Erkenntnisse, an denen die heuer ausgezeichneten Wissenschafter maßgeblich beteiligt waren, konnten aufklären, woher die Erkrankungen rührten. Davor grassierte die Krankheit, mit deren chronischer Form auch heute laut der WHO noch über 70 Millionen Menschen zu kämpfen haben, ungehindert. Pro Jahr gibt es geschätzte 400.000 Hepatitis-C-Tote. Gerade in Europa ist HCV relativ weit verbreitet, heute grundsätzlich aber gut behandelbar. Mit antiviralen Substanzen liege die Heilungsrate bei Hepatitis-C bei 95 bis fast 100 Prozent, so Trauner. Allerdings haben bei weitem nicht alle Betroffenen weltweit Zugang zu einer Therapie. Eine effektive Impfung gegen das Virus gibt es noch nicht, die Forschung gehe aber weiter, sagte der Wiener Hepatologe.

Obwohl Ende der 1960er-Jahre Baruch Blumberg das Hepatitis-B-Virus entdeckt hatte eine Leistung für die er 1976 den Medizin-Nobelpreis erhielt –, konnte weiter ein Teil der über das Blut weitergegebenen schweren und chronischen Lebererkrankungen nicht erklärt werden. In den 60er-Jahren lag das Risiko, etwa durch eine Bluttransfusion während einer Operation mit einer chronischen Hepatitis infiziert zu werden, teils bei bis zu 30 Prozent, heißt es.

Harvey J. Alter.
© AFP/National Institutes of Health

Der 1935 in New York geborene Harvey J. Alter begann an den National Institutes of Health (NIH) das Auftreten der mysteriösen Krankheit bei Menschen zu studieren, die zuvor Bluttransfusionen erhalten hatten. An der dortigen Abteilung für Transfusionsmedizin zeigte er, dass viele der Infektionen nicht von den bisher bekannten Viren ausgelöst wurden.

Gleichzeitig war klar, dass durch Blutgaben zu dieser Zeit viele Menschen mit den Erreger infiziert wurden. Alter konnte in den späten 1970er-Jahren zeigen, dass der vermutliche Virus-Erreger durch die Verabreichung von Blut auf Schimpansen übertragen wird. Seine Erkenntnisse führten zu der Bezeichnung "Non-a, non-b"-Hepatitis.

"Lieferten Fundament, um Kampf gegen Virus zu beginnen"

Michael Houghton.
© AFP/Nackstrand

Über ein Jahrzehnt entzog sich das Virus jedoch dem wissenschaftlichen Zugriff. Dann kam Michael Houghton ins Spiel: Er stammt aus Großbritannien, wo er am King's College in London auch seinen Doktor machte. Ende der 1980er-Jahre steuerte er seine bahnbrechenden Arbeiten im Dienste des US-Pharmaunternehmens Chiron bei. In Kleinarbeit und unter Einsatz von damals neuen molekulargenetischen und immunologischen Methoden suchte er nach Erbgut-Spuren des unidentifizierten Virus in Proben von Schimpansen und Menschen. Schlussendlich fanden der seit 2010 an der Universität Alberta in Kanada als Virologe tätige Wissenschafter und Kollegen die RNA eines neuen Virus aus der Flaviviren-Gruppe, das fortan Hepatitis-C genannt wurde.

Den finalen Nachweis, dass das Virus auch tatsächlich die so oft beobachteten Erkrankungen auslöste und wie sich der Erreger vermehrt, lieferte dann der 1952 in Sacramento im US-Bundesstaat Kalifornien geborene dritte Preisträger, Charles M. Rice. Er baute an der Washington University School of Medicine in St. Louis eine Forschergruppe auf und wurde dort 1995 Professor. Seit 2001 arbeitet er an der Rockefeller Universität in New York, wo er bis 2018 Leiter des Zentrums für Hepatitis-C-Forschung war. Aufgrund seiner Arbeit wurden die bis dahin nicht eindeutig erklärbaren Infektionen eindeutig dem neuen Virus zugeordnet.

Charles M. Rice.
© MARIO MORGADO

Die Entdeckungen der Preisträger führten auch zur raschen Entwicklung von Medikamenten gegen das Hepatitis-C-Virus. Für Karlsson Hedestam haben Alter, Rice und Houghton "das Fundament geliefert, um den Kampf gegen das Virus zu beginnen". Sie hätten der Welt die Hoffnung beschert, die Krankheit zu kontrollieren und möglicherweise auch zu eliminieren. "Wir können den Forschern nur unendlich dankbar sein, dass sie das ermöglicht haben", sagte die Obfrau der Hepatitis Hilfe Österreich (HHÖ), Angelika Widhalm, zur APA.

Zwei der Forscher wurden wachgeklingelt

Zwei der neuen Medizin-Nobelpreisträger mussten von der Nobelversammlung erst wachgeklingelt werden. "Als ich sie einmal erreicht habe, waren sie extrem überrascht und wirklich glücklich und fast sprachlos", sagte Thomas Perlmann vom Nobelkomitee während der Preis-Bekanntgabe. Mit der heutigen Verlautbarung wurde die diesjährige Nobelpreis-Woche eröffnet. Am Dienstag erfolgt die Bekanntgabe der Preisträger für Physik- und am Mittwoch jene für Chemie.

Das Preisgeld wurde heuer erhöht: Pro Kategorie gibt es zehn Millionen schwedische Kronen (rund 950.000 Euro) und damit eine Million Kronen mehr als zuletzt. Übergeben werden die Preise alljährlich am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel.

Am Dienstag erfolgt die Bekanntgabe der Preisträger für Physik und am Mittwoch jene für Chemie. Nach den Wissenschaftspreisen wird am Donnerstag der Literatur-Nobelpreisträger bekanntgegeben, am Freitag folgt der Friedensnobelpreis. Den Abschluss bildet am kommenden Montag die Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaften. (APA, TT.com)

Stichwort: Hepatitis C

Hepatitis C ist eine infektiöse Viruserkrankung der Leber. Laut WHO sind rund 71 Millionen Menschen von der chronischen Verlaufsform betroffen. In Österreich sind laut öffentlichen Gesundheitsportal gesundheit.gv.at rund 26.000 Personen infiziert.

Das HCV kann sowohl eine akute als auch chronische Hepatitis verursachen. Der Schweregrad kann dabei von einer leichten, einige Wochen dauernden bis hin zu einer schweren, lebenslangen Erkrankung reichen. Viele chronisch Erkrankte bekommen Leberzirrhose oder Leberkrebs.

In Europa sind durchschnittlich 1,5 Prozent der Bevölkerung mit dem Hepatitis-C-Virus in Kontakt gekommen und haben dagegen Antikörper gebildet. In Österreich haben 0,3 Prozent einen positiven Antikörpernachweis.

Seit der Entdeckung des Hepatitis-C-Virus 1989 hat das Wissen über Übertragung, Diagnose und Vorsorge enorm zugenommen, auch in der Therapie konnten entscheidende Fortschritte erzielt werden. Mussten Patienten laut Medizin-Uni Wien vor einigen Jahren noch mittels Interferonspritzen und zusätzlichen Medikamenten monatelang therapiert werden, setzt man heute antivirale Substanzen ein, die weitgehend nebenwirkungsfrei sind und über 95 Prozent aller Hepatitis-C-Patienten innerhalb von acht bis zwölf Wochen heilen können. Allerdings gibt es nach wie vor keine Impfung gegen Hepatitis C. Grund dafür ist die hohe Mutationsrate des Virus.

Medizin-Nobelpreis: Die Preisträger seit 2010

Der Medizin-Nobelpreis wird seit 1901 verliehen. Die erste Auszeichnung ging einst an den deutschen Bakteriologen Emil Adolf von Behring für die Entdeckung der Serumtherapie gegen Diphtherie. Die Preisträger der vergangenen Jahre waren:

2020: US-Forscher Harvey J. Alter und Charles M. Rice sowie der Brite Michael Houghton werden für die Entdeckung des Hepatitis-C-Virus geehrt.

2019: Die US-Zellforscher William Kaelin und Gregg Semenza und ihr britischer Kollege Peter Ratcliffe erhielten den begehrten Preis für ihre Entdeckungen zu der Frage, wie Zellen unterschiedliche Sauerstoffmengen messen und sich daran anpassen können.

2018: Der US-Forscher James Allison und der japanische Wissenschafter Tasuku Honjo teilen sich den Nobelpreis für Physiologie und Medizin in Anerkennung ihrer Entdeckungen über Immuncheckpoints, die zur modernen Immuntherapie gegen Krebserkrankungen führten.

2017: Die US-Forscher Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael Young für die Erforschung der biologischen "Inneren Uhr" von Organismen.

2016: Der Japaner Yoshinori Ohsumi, der das lebenswichtige Recycling-System für Proteine in Zellen entschlüsselt hat.

2015: Die Chinesin Youyou Tu, die den Malaria-Wirkstoff Artemisinin entdeckt hat. Sie teilte sich den Preis mit dem gebürtigen Iren William C. Campbell und dem Japaner Satoshi Omura, die an der Bekämpfung weiterer Parasiten gearbeitet hatten.

2014: Das norwegische Ehepaar May-Britt und Edvard Moser sowie John O'Keefe (USA/Großbritannien) für die Entdeckung grundlegender Strukturen des Orientierungssinns des Menschen.

2013: Thomas Südhof (gebürtig in Deutschland) sowie James Rothman (USA) und Randy Schekman (USA) für die Entdeckung von wesentlichen Transportmechanismen in Zellen.

2012: Der Brite John Gurdon und der Japaner Shinya Yamanaka für die Rückprogrammierung erwachsener Körperzellen in den Embryonalzellen.

2011: Bruce Beutler (USA) und Jules Hoffmann (Frankreich) für Arbeiten zur Alarmierung des angeborenen Abwehrsystems. Ralph Steinman aus Kanada entdeckte Zellen, die das erworbene Immunsystem aktivieren. Er war kurz vor der Verkündung gestorben und bekam den Preis posthum.

2010: Der Brite Robert Edwards für die Entwicklung der Reagenzglas-Befruchtung.


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