So nah und doch so fern: „Die Reise der Verlorenen“ im Westbahntheater

Eindringlich und brandaktuell: Konrad Hochgruber bringt „Die Reise der Verlorenen“ von Daniel Kehlmann auf die Bühne des Westbahntheaters.

Günter Jaritz, Patrick Grill und Maria Dörrer-Metnitzer (v. l.) in „Die Reise der Verlorenen“.
© Andrea Praxmarer

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – „Wir sind keine erfundenen Figuren“, stellt der Hebräischlehrer Aaron Pozner schon zu Beginn klar. Er ist einer von 937 Juden und Jüdinnen, die 1939 wirklich in Hamburg die MS St. Louis besteigen. Ihr Ziel: Kuba, oder besser: ein freies Leben. In Havanna legt das Schiff aber nie an, die Passagiere werden zum Spielball politischer und wirtschaftlicher Interessen.

2018 brachte Daniel Kehlmann mit „Die Reise der Verlorenen“ die fatale Fluchtgeschichte auf die Theaterbühne. Als Vorlage diente ihm „Voyage of the Damned“ von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts. Jetzt hat sich das Westbahntheater unter Regisseur Konrad Hochgruber des Stückes angenommen; noch bis 26. Oktober ist es zu sehen.

Nicht die Flucht, sondern die Ängste, Hoffnung, Ohnmacht stehen im Fokus der Geschichte um die St. Louis. Im ständigen Auf und Ab begriffen ist in der neusten Produktion auch die Bühne, auf der sich die Besatzung bewegt: Die Spielfläche (Ausstattung: Sieglinde Michaeler, Walter Granuzzo) ist selbst ein wankendes Schiff.

Und darauf herrscht reges Treiben: Die gut 30 von Kehlmann entworfenen Figuren werden in Innsbruck mit zwölf Schauspielern besetzt. Das heißt, ständiger Rollenwechsel, auch direkt vor dem Publikum – eine Nähe, die aber zum Stück passt, wendet sich doch jede Rolle immer wieder auch kommentierend dem Auditorium zu. Als das Schiff anlegt und die Personen abziehen, bleiben nur noch ihre Kleider als stumme Zeugen zurück.

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Im Gepäck hat jede Rolle ihr individuelles Schicksal: Der Kapitän als moralische Instanz (ein souveräner Sandro Gusmerotti) spielt mit dem Gedanken, sein eigenes Schiff havarieren zu lassen, nur um die Menschen an Bord zu retten. Ihm gegenüber steht der stramme Nazi Otto Schien­dieck (Markus Pinter), der für seine Karriere über Leichen geht.

Als besondere Herausforderung für die Schauspieler entpuppt sich das ständige Umswitchen in mitunter gegensätzliche Charaktere; eine Aufgabe, beispielsweise die Maren Menzel (mit eindrucksvoller Gesangseinlage), Veronika Schmidinger als kubanisches Oberhaupt oder Patrick Grill als KZ-Flüchtling Pozner überzeugend meistern.

Offensichtliche Bezüge zur Gegenwart braucht das eindringliche Stück übrigens auch bei seiner Aufführung in Innsbruck nicht, um brandaktuell zu sein. Das Schiff wurde damals in Kuba abgewiesen, verharrte einige Zeit vor der Küste, der Freiheit so nah und doch so fern. Havanna ist heute Lampedusa, Lesbos oder Malta.

Die Reise der Verlorenen. Bis 26.10.; nächste Vorstellung: 9.10, 20 Uhr. westbahntheater.at


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