Wendlinger vor Formel-1-Debüt von Mick Schumacher: „Geht seinen eigenen Weg“

Seinen Vater, Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher, hat er hautnah erlebt. Seinem Sohn Mick traut der Kufsteiner Karl Wendlinger einiges zu. Heute nimmt der 21-Jährige am Nürburgring-Training teil.

Mick Schumacher zählt zu den Kandidaten für die Nachwuchs-Fahrer-Tests in Bahrain.
© imago sportfotodienst

Mick Schumacher wird heute am Nürburgring beim Formel-1-Training im Alfa Romeo Platz nehmen. Sie haben 1990 mit Vater Michael zusammengearbeitet. Wie viel Michael steckt in Mick?

Karl Wendlinger: Mick hat in jedem Fall jede Menge Talent. Niemand darf einfach mal so in einem Formel-1-Boliden Platz nehmen. Er hat die europäische Formel-3-Serie (2018, Anm.) gewonnen und führt aktuell die stärkste Nachwuchs-Klasse, die Formel 2, an. Wie sein Vater macht er keine großen Fehler. Er hat die heutige Trainingseinheit am Nürburgring mehr als verdient.

Sehen Sie jetzt schon Unterschiede?

Wendlinger: Was er sicher anders macht, ist die Herangehensweise. Papa Michael war von Anfang an immer schnell, hat überall die Messlatte gesetzt. Sein Sohn hat bis jetzt immer ein Jahr gebraucht und in der zweiten Saison dann zugeschlagen.

Alles deutet darauf hin, dass der Ferrari-Youngster Mick in der Formel-1-Saison 2021 bei Alfa Romeo unter Vertrag stehen wird.

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Karl Wendlinger (M.) 1990 zusammen mit Michael Schumacher (l.) beim Mercedes-Team (Sportwagen-WM).
© imago/Passage

Wendlinger: Trotzdem muss man den Weg der beiden einfach trennen. Michael Schumacher war einzigartig, Mick ist eine eigenständige Person mit seiner eigenen Karriere.

Der Verzicht auf den Vergleich wird schwierig, wenn der Vater der Rekordweltmeister der Königsklasse ist.

Wendlinger: Das muss nicht unbedingt sein. Mick hat in allen unteren Serien die Zeit bekommen. Da glänzte er immer im zweiten Jahr und wir dürfen nicht vergessen, in den Nachwuchsklassen sind auch keine Nasenbohrer unterwegs. Da gibt es jede Menge Qualität.

Was die Spannung im WM-Kampf betrifft, erlebt die Königsklasse heuer einen silbernen Solo-Ritt. Sind solche Geschichten wie die Rückkehr eines Schumachers in die Königsklasse Gold wert?

Wendlinger: Der Formel 1 tut ein Mick Schumacher gut. Das hat man bei Nico Rosberg und Damon Hill schon gesehen, deren Väter sehr gute Piloten waren.

Was trauen Sie Mick zu?

Wendlinger: Das kann man noch nicht sagen. Ich kann nur noch einmal betonen: Niemand gewinnt in den unteren PS-Klassen Meisterschaften, wenn er nicht die Qualität hat.

Was empfehlen Sie ihm als Neuling, wenn Sie sich an Ihr Debüt im Jahr 1991 in Suzuka (JPN) zurückerinnern?

Wendlinger: Mick sollte demütig an die Sache herangehen, aber das wird er so und so machen. Das wird in der Familie Schumacher so gelebt. Einfach schauen, dass du fehlerlos bleibst. Das habe ich nicht ganz geschafft. (lacht)

Inwiefern?

Wendlinger: Beim ersten Qualifying bin ich rausgefahren und habe gleich die Runde von Ayrton Senna zerstört. Der hat es aber locker genommen. Beim nächsten Rennen haben wir uns zufällig am Parkplatz getroffen und er hat mir gesagt: „Pass beim nächsten Mal bitte auf.“ Er war total entspannt. (lacht)

An diesem Wochenende kehrt die Königsklasse an den Nürburgring zurück. Allerdings zu einer etwas ungewohnten Jahreszeit. Man erwartet niedrige Temperaturen.

Wendlinger: Ich habe zuerst gerade nachgeschaut und gesehen, dass wir acht Grad und Niederschlag erleben werden. Das wird in jedem Fall kein gewöhnliches Wochenende.

Könnte es sein, dass wir einen überraschenden Rennausgang erleben?

Wendlinger: Da muss schon etwas Außergewöhnliches wie in Monza (Sieger Pierre Gasly, Anm.) passieren. Die Boliden funktionieren auch bei niedrigen Temperaturen – das haben wir vor zwei Jahren bei den Testfahrten in Barcelona gesehen, als Schnee gefallen ist.

Heuer war recht schnell klar, dass der WM-Titel nur über Lewis Hamilton und Mercedes führen kann. Dafür haben wir spektakuläre Rennen wie in Monza oder Mugello erlebt.

Wendlinger: Die Rennen waren fast alle spektakulär. Das hat am Red-Bull-Ring begonnen, in Silverstone waren die vielen Reifenschäden und mit dem Podium in Monza war nicht zu rechnen. Was allerdings nichts daran ändert, dass an der Spitze nach wie vor Mercedes regiert.

In der Vorwoche gab es den überraschenden Ausstieg von Red Bulls Motorenpartner Honda.

Wendlinger: Damit konnte man als Außenstehender nicht rechnen. Aber bei Red Bull wirkten alle gefasst, die dürften es schon länger gewusst haben.

Als Fan würde man sich wünschen, dass Red Bull einen Mercedes-Antrieb bekommt.

Wendlinger: Mercedes hat schon genügend Teams, die man beliefert. Einen Ferrari-Motor will man derzeit wahrscheinlich nicht. Darum glaube ich, die Rückkehr zu Renault dürfte am naheliegendsten sein. Die Franzosen haben wahrscheinlich den zweitstärksten Motor.

Bis auf Honda dürften alle bis ins Jahr 2025 an Bord bleiben. Das sah am Beginn der Corona-Pandemie noch etwas anders aus.

Wendlinger: Es ist wirklich schön, dass es so ist. Das hätte ich mir nicht erwartet, weil die wirtschaftlichen Turbulenzen groß sind. Man muss in dem Punkt auch den Hut vor Leuten wie Gene Haas ziehen, der den Luxus Formel 1 ganz privat finanziert. Wir müssen froh sein, solche PS-Liebhaber zu haben.

Das Gespräch führte Daniel Suckert


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