Gasunfall in St. Jodok war Unglück auf Raten: Polier zu Geldstrafe verurteilt

Am 23. September jährte sich der schreckliche Gasunfall von St. Jodok im Valsertal. Im Ortskern war es zu einer gewaltigen Explosion gekommen, die ein Haus samt Lebensmittelmarkt förmlich gesprengt hatte. Der angeklagte Polier wurde am Dienstag zu einer unbedingten Geldstrafe verurteilt.

Am 23. September 2019 zerstörte in St. Jodok eine Gasexplosion ein Bauernhaus samt Lebensmittelmarkt. Eine 91-Jährige starb dabei.
© Böhm Thomas

Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Am 23. September letzten Jahres erschütterte der Gasunfall von St. Jodok im wahrsten Sinne ganz Tirol. Im Ortskern war es zu einer Explosion gekommen, die ein Haus samt Lebensmittelmarkt förmlich gesprengt hatte. Eine 91-jährige Hausbewohnerin kam dabei ums Leben, zahlreiche Personen wurden verletzt. Da direkt zum Markt gerade eine Gasleitung gelegt werden sollte, hatte die Polizei als möglichen Schuldigen den Polier der Baustelle ausgemacht. Laut folgender Anklage der Staatsanwaltschaft soll der 52-Jährige als verantwortlicher Polier der Bohrmannschaft die erkennbare Abweichung der Horizontalbohrung von der geplanten Bohrtrasse nicht korrigiert haben. Wie es dazu gekommen war, bezeichnete am Dienstag am Landesgericht beim Prozess um fahrlässige Herbeiführung einer Feuersbrunst mit Todesfolge allerdings auch Staatsanwalt Robert Mader als eine auffallend unglückliche Verkettung von Ereignissen.

Eine ganz normale Leitungslegung im Auftrag der Tigas sei es für seine Spezialfirma gewesen. „Aber dabei reihte sich ein Problem an das andere. Das führte zur Katastrophe“, beschrieb Ankläger Mader in seinem Eingangsplädoyer vor Richterin Andrea Wegscheider. Schon der Beginn der Arbeiten sei jedoch unter verkehrten Vorzeichen gestanden. So habe man von Osten aus bohren wollen. Nach einer Intervention der Straßenmeisterei habe man die Arbeiten aber von Westen her begonnen. Messpunkt an Messpunkt sei darauf mittels des Bohrers, welcher auf zehn Zentimeter genau lokalisiert werden kann, routiniert gesetzt worden. Bis zum Wochenende vor dem Unglück waren bereits 42 Meter der insgesamt 55 Meter für die Gasleitung gebohrt. Dann ein Schlechtwettereinbruch, der das Ausheben einer Grube zur Sichtung wegen des Regens nicht sinnvoll erscheinen ließ.

Ein erster Fehler. Am Montag standen die Arbeiten dann bei Regen vor dem Ende. Eine Polizeikontrolle zur ordnungsgemäßen Absicherung und Anmeldung der Baustelle führte den Polier jedoch zu seinem Fahrzeug.

Der Auslöser eines weiteren folgenschweren Fehlers: Hatte doch ein Arbeiter bereits in Abwesenheit des Poliers einen weiteren Bohrpunkt gesetzt. Der 52-Jährige gab jedoch ohne persönliche Sichtkontrolle vom Auto weg das Kommando weiterzubohren. Bei der Rückkehr sah der Polier dann schon Blasen auf dem nassen Asphalt aufsteigen. Verteidiger Mathias Baumgartner: „Dieser Situation begegnete mein Mandant vorbildlich und traf alle Sicherungsmaßnahmen, die bei ausströmendem Gas in der nahen Umgebung zu treffen sind.“ Was der Polier nicht wissen konnte: Das angrenzende Bauernhaus mit Supermarkt war nicht unterkellert und stand auf Gestein. Zwischen diesem war das Gas dann ins Innere des Hauses gekrochen und hatte anschließend zur tödlichen Explosion geführt.

TT-ePaper testen und eine von drei Gasser Tourenrodeln gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Die TT verlost drei Gasser Tourenrodeln und 50 Thermosflaschen

„Schlendrian eingeschlichen", 3600 Euro Strafe für Polier

„Ich gestehe alles ein!“, bekannte sich der an sich so erfahrene Polier im Prozess erneut zu den Fehlabläufen. In St. Jodok war die Routine im Zusammenspiel mit bekannten Mitarbeitern einem Profi zum Verhängnis geworden. „Hier hatte sich ein Schlendrian eingeschlichen. Der Mann ist aber einsichtig. So etwas passiert ihm nie mehr wieder!“, bezweifelte Staatsanwalt Mader, ob in diesem Fall spezialpräventiv eine allzu hohe Strafe – bis zu drei Jahre Haft drohten dem Unbescholtenen – Sinn machen würde. Umgekehrt müsse jedoch schon aus generalpräventiven Gründen ein Fingerzeig durch den Staat erfolgen: „Dies sind eben gefahrengeneigte Tätigkeiten, bei denen man jede Sekunde bei der Sache sein muss.“

Richterin Wegscheider fällte ein salomonisches Urteil: Eine Geldstrafe von 3600 Euro erging bereits rechtskräftig unbedingt: „Laut Gutachter war dieser Schadensverlauf extrem unwahrscheinlich. Da er aber nicht denkunmöglich war, ist Ihnen der Tod der Frau und die Feuersbrunst aber zuzurechnen. Vor der Explosion haben Sie aber nochmals alles Menschenmögliche getan, um das Unglück abzuwenden.“ Eine auch nur teilweise Strafnachsicht schloss das Gericht aus generalpräventiven Erwägungen aber aus.

Die entstandenen – materiellen – Schäden dürften nun von den Haftpflichtversicherungen gedeckt werden.


Schlagworte