Sonderausstellung im Audioversum: Grabsteine, Farbexplosionen, Kuriositäten

Die neue Sonderausstellung im Audioversum verschreibt sich ganz dem Vinyl – weniger im auditiven als im visuellen Sinn.

„Wir hören Vinyl“ wartet mit beeindruckenden Coverdesigns auf: von Warhols Banane für Velvet Underground (1967) bis FKA Twings „LP1“ (2014).
© G. Berger

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Bei Musik geht es nicht nur um Musik. Besonders nicht mehr, seit Alex Steinweiss (der beim österreichischen Gebrauchsgrafiker Joseph Binder gelernt hatte) ab 1940 erstmals bis dato uniforme graue Kartonhüllen – so genannte „Grabsteine“– mit individuellen Designs versah. Für die Platte „Smash Song Hits“ von Richard Rogers und Lorenz Hart überredete Steinweiss ein Theater, seine Leuchttafel für eine Stunde mit dem Albumtitel und den Namen der Interpreten zu bestücken. Das Foto davon ist die Geburtsstunde des Cover-Artwork.

In der neu eröffneten Sonderausstellung „Wir hören Vinyl – Das Schöne an der schwarzen Scheibe“ im Innsbrucker Audioversum bildet das erste von Steinweiss gestaltete Album den logischen Beginn eines Streifzugs durch 80 Jahre Coverdesign. Das hörbare Erlebnis, das beim Audioversum normalerweise im Mittelpunkt steht, wird in dieser Schau um einen visuellen Anreiz erweitert – auch bei „Wir hören Vinyl“ geht es also nicht nur ums Hören.

Manfred Lackmaier, ein Haller Musikladenbesitzer und Vinyl-Aficionado hat die Ausstellung gestaltet, Geschichte sorgfältig nach Dekaden geordnet. Einige der Exponate stammen auch aus der eigenen Sammlung. Die individuelle Auswahl enthält etliche ikonische Gestaltungen, die in die Musikgeschichte eingingen und auch Ausdruck einer bestimmten Zeit sind.

Nicht umsonst greift Lackmaier aus den Sechzigern „psychedelische“ Motive heraus. Farbexplosionen und Drogenträume standen nüchternen Swing-Covern gegenüber: „Led Zeppelin III“ (1970) gesellt sich hier zu „Revolver“ der Beatles (1966 gestaltet von Klaus Voormann) und „Their Satanic Majesties Request“ (1967) der Rolling Stones.

Wer weiterschaut, wird etliche ikonische Albumdesigns finden: Joy Divisions „Unknown Pleasures“ (1979), David Bowies „Aladdin Sane“ (1973), Nirvanas „Nevermind“ (1991) oder Beyoncés „Lemonade“ (2016).

Themenschwerpunkte setzt Lackmaier zusätzlich mit unterschiedlichen Stilen: In der Sektion Hiphop findet sich u. a. „Things Fall Apart“ (1999) von The Roots: Das Cover zeigt ein Foto aus der Bürgerrechtsbewegung, in dem weiße Polizisten schwarze Jugendliche jagen – eine sozialkritische Covergestaltung, die heute im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung neue Brisanz erfährt.

Und natürlich dürfen auch die großen Künstlernamen in einer Erzählung zu Coverdesigns nicht fehlen: Andy Warhols schälbare Banane für The Velvet Underground & Nico (1967) oder Gerhard Richters Kerze auf Sonic Youths „Daydream Nation“ (1988) sind Teil der Schau. Das derzeit gesuchteste (sprich teuerste) Cover gestaltete übrigens Bansky, eine Originalpressung von „We Love You… So Love Us“ (2001) dürfte wohl nicht unter 2000 Euro zu haben sein, schätzt Lackmaier.

In Zeiten von Streaming steigt die Nachfrage nach Vinyl – ein Bedürfnis nach etwas Haptischem geht mit einer besseren Soundqualität einher. Wirkliche Klangbeispiele liefert die Schau dazu leider nicht, obwohl Reisegrammophon und Jukebox vorrätig sind. Stefan Sagmeisters (Skype)-Tour durch seine individuelle Design­geschichte und Albi Dornauers für die Ausstellung zusammengesetztes Kuriositätenkabinett zum Thema Vinyl sind da weitaus spannender: mit dabei eine Zeitung auf Platte.

Die Vermittlung zur Ausstellung setzt dafür ganz aufs Hören: Ein Audioguide, der per QR-Code aufgerufen wird, leitet in einfacher Sprache durch die Schau. Zusätzlich lancierte das Audioversum vor Kurzem einen eigenen Podcast, der in seiner zweiten Staffel die Schallplatte zeitgemäß weiteruntersucht. Das Audioversum macht sich hörens- und sehenswert!


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