„Crescendo“: Ein Orchester der guten Absichten

„Crescendo“ bebildert die grenzüberschreitende Kraft der Musik – krankt an hölzerner Dramaturgie.

Peter Simonischek spielt in „Crescendo“ den Dirigenten eines israelisch-palästinensischen Orchesters.
© Stadtkino

Innsbruck – In „Toni Erdmann“ spielte Peter Simonischek einen Musikpädagogen, der seiner neoliberal durchoptimierten Tochter die Möglichkeiten weniger stromlinienförmigen Lebens aufzeigen will. Nun, in Dror Zahavis „Crescendo“, gibt Simonischek einen Dirigenten, der jungen Musikern eine andere Welt eröffnen möchte. Das Problem dabei: Es sind junge Palästinenser und Israelis, die zusammenspielen sollen. Schon die erste Probe endet im Tumult.

Ein solches Orchester gibt es tatsächlich: 1999 gründeten Daniel Barenboim und Edward Said das West-Eastern Divan Orchestra, das sich seither um die Überwindung ge- und erlebten Ressentiments verdient gemacht hat. Aber dieses reale Vorbild ist für „Cresendo“ ähnlich unwichtig, wie die tatsächliche Geografie Südtirols, wo der Großteil des Dramas gedreht wurde. Dort nämlich soll das fiktive Jugendorchester bei einer Friedenskonferenz ein hoffnungsvolles Ausrufezeichen setzen. Davor dürfen die Musiker in einer Überetscher Villa, die, warum auch immer, in Sterzing verortet wird, proben und in den Pausen durch die Dolomiten radeln. Zugegeben, das räumliche Durcheinander könnte herzlich egal sein, würde sich der Film in den Sequenzen, die in Israel spielen, nicht um bedrückende Authentizität bemühen.

📽️ Video | Trailer zu „Crescendo“

Sei’s drum. Wirklich überzeugender wäre der Film auch durch eine ordentliche Brise Brennerwind nicht geworden. Dafür wagt „Crescendo“ zu wenig. Letztlich wird in dem Film nur die These von der alle Grenzen überschreitenden Kraft der Musik bebildert. Die Konflikte sind vorhersehbar, die Dramaturgie ist hölzern: Es gibt eine Romeo-und-Julia-Geschichte und die zweier verbissener Musiker, die lernen müssen, ihr Einzelkämpferdasein aufzugeben.

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Und es gibt den von Peter Simonischek durchaus nuanciert dargestellten gewesenen Stardirigenten Eduard Sporck, dessen Familiengeschichte ein dunkles Kapitel Südtiroler Historie anreißt: Seine Eltern waren Nazi-Mediziner, experimentierten im KZ am lebenden Menschen und wollten nach dem Krieg über die so genannte Rattenlinie nach Südamerika flüchten. Er habe gelernt, Scham und Zorn in Kreativität zu kanalisieren, sagt Sporck. Das will er seinen Schülern weitergeben. Und die lernen ihre Lektion so gut, dass Dvoráks „Aus der Neuen Welt“ trotz spärlicher Besetzung rätselhaft orchestral klingt. Ist die Absicht gut, scheint jedes Mittel recht. (jole)


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