Künstlerin Ulrike Müller: „Grausamkeit des Systems ist sichtbar“

Ulrike Müller wurde 2017 mit dem Tiroler Landespreis ausgezeichnet, jetzt holte sie den renommierten Preis der Böttcherstraße. Seit 2002 lebt die Brixleggerin in New York. Ein Gespräch über die Situation der Kultur in den USA.

1971 wurde Ulrike Müller in Brixlegg geboren, aufgewachsen ist sie in Vorarlberg. Nach dem Tiroler Landespreis für zeitgenössische Kunst erhielt sie jetzt den mit 30.000 Euro dotierten Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen. Ihre Arbeiten sind derzeit in der Kunsthalle Bremen zu sehen.
© Katja Illner

Wie kamen Sie von Brixlegg über Vorarlberg und Wien nach New York?

Ulrike Müller: 2002 kam ich zum in die Staaten im Rahmen eines Studienprogramms, für ein Jahr. Das habe ich um ein Jahr verlängert. Jetzt bin ich immer noch hier! (lacht)

Wie können wir uns den Alltag in Brooklyn zurzeit vorstellen – geprägt von Corona und Wahlkampf?

Müller: Es gibt gerade besonders viele Unabwägbarkeiten und viele Dinge, die nicht vorhersehbar sind. Schon seit März ist das Leben in New York ein ganz anderes, als es vorher war. Auch der kulturelle Alltag ist ein anderer. Es ist alles entschleunigt, was seine Vor- und Nachteile hat. Institutionen öffnen sich nach über einem halben Jahr nur sehr vorsichtig und mit hohen Sicherheitsmaßnahmen. Nach wie vor gibt es keine Kinos, Theater, keine Liveveranstaltungen.

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Dafür aber einen omnipräsenten Wahlkampf; schlägt sich der auch im Kulturbereich nieder?

Müller: Der Kulturbereich ist in den USA so marginal, dass er im Wahlkampf praktisch keine Rolle spielt. Die Förderungen, die von öffentlicher Seite kommen, sind in keinster Weise mit Österreich vergleichbar, die Strukturen sind völlig andere. Das Queens Museum etwa, das aktuell eine Ausstellung von mir zeigt, ist ein Drittel Kunst-, ein Drittel historisches Museum und ein Drittel Nachbarschaftszentrum, also eine städtische Einrichtung, in der es budgetär hinten und vorne nicht passt. Man denke, wie katastrophal die Situation für den öffentlichen Verkehr in New York ist, für die Kultur bleibt noch weniger übrig.

Das Gros an Förderungen kommt von privaten Stiftungen. Was macht das mit der Vielfalt?

Müller: Es ergibt eine andere Form von Vielfalt, im Idealfall ergäbe es dennoch eine Vielstimmigkeit. In Wirklichkeit ist es gerade für junge Künstlerinnen und Künstler besonders schwierig, weil sie vielfach in anderen Jobs arbeiten, um sich über Wasser zu halten. Was in den USA gerade ökonomisch passiert: Die Kluft zwischen Arm und Reich geht noch weiter auf. Die Grausamkeit des amerikanischen Systems ist gerade besonders sichtbar.

Gab es spezielle Corona-Hilfen für Kulturschaffende?

Müller: Es gab Hilfen für absolute Notfälle, aber keine flächendeckenden Programme wie in Berlin oder in Österreich. Für Einzelunternehmen, auch Galerien gab es Möglichkeiten, an günstige Kredite zu kommen, das half den Künstlern aber wenig.

Befeuert die Situation eine besondere Solidarität unter Künstlern? Sie laden zu Ihren Ausstellungen oft auch andere Kunstschaffende ein, arbeiten im Kollektiv.

Müller: Das ist natürlich sehr wichtig, ich möchte bei meinen Projekten stets weiterdenken, weiterlernen, das funktioniert gerade im Austausch mit anderen. Aktuell etwa mit Amy Zion, einer Kuratorin, mit der ich im Queens Museum zusammengearbeitet habe.

Gibt es dort neue Arbeiten von Ihnen zu sehen?

Müller: Es ist ein sehr ortsspezifisches Projekt, das auf die Geschichte des heutigen Queens Museum eingeht, welches in den Dreißigern gebaut wurde und zunächst als Pavillon für zwei Weltausstellungen fungierte. Was mich besonders interessierte, das Gebäude war auch Treffpunkt der Generalversammlung der Vereinten Nationen gleich nach dem Zweiten Weltkrieg – in dem Sinne ein sehr geschichtsträchtiger Ort. Ich durfte dort ein riesiges Wandbild gestalten – das in meiner Arbeit erstmals ein ganz neues Größenverhältnis zwischen Kunstwerk und Betrachtern vorgeschlagen hatte.

Normalerweise arbeiten Sie bevorzugt kleinteilig. Auf der Biennale 2019, bei der Sie in der Hauptausstellung von Kurator Ralph Rugoff als einzige Österreicherin gezeigt wurden, waren u. a. kleinformatige Monotypien zu sehen.

Müller: Richtig. Und neben der Druckgrafik zeigte ich auch Emaillebilder, die noch kleiner sind. Ich habe aber auch dort mit Wandfarbe gearbeitet, insofern schließt sich der Kreis zu meinem aktuellen Projekt in Queens: Ich habe die weiße Wand eigentlich nie als unhinterfragte Norm im Ausstellungsraum akzeptiert, vielmehr interessiert mich die Aktivierung des Raumes, die relationalen und sozialen Zusammenhänge. Im Zentrum steht das Dazwischen.

Darf man in der Verwendung von Emaille oder Textilem auch ein Rückbesinnen auf ein Stückweit Tradition aus Ihrer Kindheit hier im Alpenraum ablesen?

Müller: Ich habe eigentlich lange gebraucht, um Emaille für mich zu entdecken, auch weil es so eine eben vergangene Technik ist – es wirkt vergangen, aber trotzdem sehr vertraut. Es gibt ein Interesse an Folklore und Techniken, die nicht an Industrie und Fortschritt gebunden sind. Obwohl Emaille ja etwa auch bei Badewannen verwendet wird. Auch hier ist es wiederum das Dazwischen, das mich reizt.

Apropos Dazwischen: Bei Ihren Arbeiten wird auf der inhaltlichen Ebene stets ein feministischer, queerer Aspekt betont. Ist das gewissermaßen auch Aktivismus?

Müller: Für mich als Künstlerin ist es sehr schwierig, wenn ich das Werk überfrachte. Dann kann es eigentlich nur enttäuschen. Das Feministische, das Queere ist als Möglichkeitsraum, als Lesart in meinen Werken angelegt. Ich sehe meine Aufgabe eher darin, in Prozesse der Bedeutungsproduktion einzugreifen, Vorschläge zu machen. Alles andere ist dem Betrachter überlassen.

Das Gespräch führte Barbara Unterthurner


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