Raubprozess nach Zank um zwei Euro: „Eine ganz kuriose Geschichte“

Fünf Jahre Haft drohten wegen eines Streits um zwei Euro. Die Raubumstände standen für das Gericht aber nicht zweifelsfrei fest.

(Symbolbild)
© pixabay

Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Ein gemeinhin unterschätztes Delikt ist der so genannte minderschwere Raub. Weit weg von der erheblichen Gewaltanwendung des allgemein bekannten Raubgeschehens (bis zehn Jahre Haft), reicht für die minderschwere Variante (bis fünf Jahre Haft) beispielsweise bereits ein Schupfer, um jemanden eine Sache abzunehmen.

So laut Staatsanwaltschaft geschehen an einem Junitag im Innsbrucker Stadtteil Pradl. Dort hatte eine 32-Jährige eine ältere Passantin erst am Gehsteig um zwei Euro gebeten. Als diese ablehnte, wurde die Tonlage jedoch schnell schroffer: „Reiß zwei Euro her, sonst schlag ich dir eine!“, soll die 32-Jährige gedroht haben. Die 57-Jährige begann darauf zu schreien, stürzte über ihr Fahrrad und kam verletzt am Gehsteig zu liegen. Laut Anklage aufgrund eines Fußtrittes der 32-Jährigen. Da es beim Raub aber ganz genau darauf ankommt, wann und warum Gewalt angewendet wurde, fühlte Strafrichterin Helga Moser der Causa gestern am Landesgericht ganz genau auf den Zahn.

Aussage gegen Aussage

Zuerst hieß es aber erst einmal zuwarten. Hatte die 32-Jährige ihren Raubprozess doch einfach „vergessen“ und wurde nach einer Stunde per Blaulichttaxi direkt in den Verhandlungssaal gebracht. Richterin Moser machte der Innsbruckerin darauf erst einmal den Ernst der Lage und das Strafausmaß klar. Die Angeklagte gab darauf zu, die 57-Jährige um zwei Euro angeschnorrt, beschimpft und ihr das Handy aus der Hand geschlagen zu haben. Auch den Tritt gegen das Bein der Passantin stritt die 32-Jährige nicht ab. Großer Unterschied zur Aussage des Opfers: Der Tritt sei aus Wut erst auf die bereits Gestürzte erfolgt und eben nicht vor dem Sturz, um mit Gewalt das Geld abzunötigen. Die Angeklagte: „Die ist mir schimpfend nach und hat mich verfolgt. Ich hab’ mich nur gewehrt!“

Die Flucht der Frau in die nächste Straßenbahn hatten dann zu Hilfe eilende Passanten verhindert. Die 57-Jährige, ohnehin kürzlich schon einmal Opfer eines Gewaltverbrechens und aufgrund von zwei Beinprothesen gehandicapt, blieb jedoch bei ihrer Version. Aussage stand gegen Aussage.

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Im Zweifel entschied der Schöffensenat darauf für die bislang unbescholtene Angeklagte. Richterin Moser: „Eine ganz kuriose Geschichte, so etwas hab’ ich die letzten 20 Jahre nicht erlebt. Für einen Schuldspruch wegen Raubes fehlt die nötige Sicherheit. So bleibt es bei der ohnehin zugestandenen Körperverletzung. Da Sie unbescholten und geständig sind, ergeht eine Diversion über 300 Euro. Und 100 Euro Schmerzensgeld zahlen Sie so schnell wie möglich an die Dame!“


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