Wien wählt ein neues Stadtparlament

Wien wählt - unter einzigartigen Umständen. Denn der Urnengang steht ganz im Zeichen der Coronavirus-Pandemie, die auch umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen nötig macht - von Plexiglasscheiben in den Wahllokalen über die Bitte um das Mitbringen von eigenen Kugelschreibern bis hin zum Aufruf, man möge via Briefwahl seine Stimme abgeben. Letzterem sind nicht nur viele Wienerinnen und Wiener gefolgt, sondern bis auf Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) auch alle Spitzenkandidaten.

Heuer wurden so viele Wahlkarten wie noch nie bei einer Wien-Wahl ausgegeben, nämlich exakt 382.214. Das bedeutet laut den Hochrechnern, dass rund 40 Prozent der Stimmen per Briefwahl abgegeben werden - und nur 60 Prozent am Sonntag in den Wahllokalen. Tatsächlich hat sowohl die Stadt als auch so mancher Spitzenkandidat empfohlen, auf einen Besuch im Wahllokal zu verzichten.

Daher haben die Spitzen der im Gemeinderat vertretenen Parteien - ÖVP-Chef Gernot Blümel, Grünen-Chefin Birgit Hebein, NEOS-Spitzenkandidat Christoph Wiederkehr, FPÖ-Chef Dominik Nepp und auch Heinz-Christian Strache (Team Strache) - die Stimmabgabe allesamt schon vor Tagen erledigt. Als einziger Spitzenkandidat begab sich am Sonntag Bürgermeister Ludwig zum Wählen ins Wahllokal. „Ich bin das so gewohnt. Das ist ein schöner demokratischer Akt“, sagte er. Ludwig kam in Begleitung seiner Frau Irmtraud Rossgatterer. Er wolle außerdem signalisieren, dass man trotz Coronavirus-Pandemie sicher wählen gehen könne. Ludwig appellierte an die Wienerinnen und Wiener, dies doch bitte heute auch noch zu tun.

Wie es um die Wahlbeteiligung steht, war vorerst nicht bekannt. Denn einen Zwischenstand gibt die Wiener Behörde am Wahltag nicht mehr bekannt. Anzunehmen ist jedoch, dass der Andrang in den Wahllokalen schon allein aufgrund der vielen Briefwähler heuer im Verhältnis gesehen geringer ist.

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Damit die Wahl sicher über die Bühne geht, gibt es in den Wahllokalen zahlreiche Maßnahmen, die es zu beachten gilt. So sind Abstandsregeln einzuhalten, auch der Mund-Nasenschutz ist zu tragen - wobei dieser für die Identifikation hinter einem Plexiglasparavent kurz abgenommen werden muss. Auch das Mitbringen eines eigenen Kugelschreibers wird empfohlen. Ordner sollen für einen geregelten Ablauf des Urnengangs sorgen. Die scheint bis jetzt der Fall gewesen zu sein: Laut Auskunft eines Sprechers der Wahlbehörde seien aus den knapp 1.500 Wahllokalen bisher keine Zwischenfälle gemeldet worden.

Das Coronavirus hat übrigens nicht nur Einfluss auf die Stimmabgabe, sondern macht auch den Parteien bei der Gestaltung des Tages einen Strich durch die Rechnung. Sämtliche Wahlfeiern für heute wurden abgesagt.

Laut jüngsten Umfragen dürften die Regierungsparteien SPÖ und Grüne zulegen, wobei die Sozialdemokraten über die 40-Prozent-Marke kommen könnten. 2015 waren es knapp weniger, nämlich 39, 6 Prozent gewesen. Die Grünen lagen bei 11,8 Prozent. Der FPÖ werden hingegen starke Verluste prophezeit. Von ihrem vor fünf Jahren erzielten Rekordstand - damals durften sie sich über einen Stimmenanteil von 30,8 Prozent freuen - sind sie weit entfernt. Viel günstiger sehen die Prognosen für die ÖVP aus, die nach dem historischen Tiefpunkt von 2015 (9,2 Prozent) auf den zweiten Platz vorstoßen könnte.

Die NEOS müssen laut den Umfragen nicht fürchten, nicht mehr im Gemeinderat vertreten zu sein, sondern dürfen auf ein kleines Plus zu den 6,2 Prozent bei ihrer ersten Wiener Wahl hoffen. Mit Spannung wird auch das Abschneiden von Heinz-Christian Strache erwartet. Der ehemalige, nach dem Ibiza-Video abgetretene FPÖ-Chef geht mit einer eigenen Liste ins Rennen, der ein Einzug in den Landtag durchaus zugetraut wird. Die Fünf-Prozent-Hürde muss dafür genommen werden.

Die Wahllokale schließen um 17.00 Uhr. Erste Hochrechnungen werden für etwa 18.00 Uhr erwartet. Das vorläufige Gesamtergebnis (der Gemeinderatswahl) sollte zwischen 20 und 21 Uhr vorliegen. Wie viel dann schon fix ist, ist offen: Angesichts des Rekordstands bei den Wahlkarten - die vielleicht erst am Dienstag alle ausgezählt sein werden - könnte sich das Ergebnis noch deutlich ändern.


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