Das, was von der Frankfurter Buchmesse übrig bleibt

Heute beginnt die Frankfurter Buchmesse. Eine Hallenausstellung literarischer Neuerscheinungen gibt es nicht und Veranstaltungen finden ohne Publikum statt. Dafür soll eine digitale Hotelbar für „Buchmessenfeeling“ sorgen.

Verlagsstände – wie hier den von Kein & Aber im Vorjahr – wird es auf der Frankfurter Buchmesse 2020 nicht geben.
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Von Joachim Leitner

Frankfurt – „Signale der Hoffnung“. So ist die heutige Eröffnungsfeier der diesjährigen Frankfurter Buchmesse überschrieben. Der diesjährige Festredner, Schriftsteller und Friedensaktivist David Grossman wird aus Israel zugeschaltet. Seine Aufgabe, hoffnungsvolle Worte für die aktuelle Situation zu finden, ist seit gestern Mittag nicht einfacher geworden. Da nämlich kündigte die Buchmesse an, dass sämtliche Veranstaltungen in der Festhalle auf dem Messegelände ohne Publikum stattfinden werden. Auch die 250 geladenen Gäste der Eröffnungsfeier müssen zu Hause bleiben. Grossmans Rede wird in einen leeren Saal übertragen – und von dort hin­aus in die Welt gestreamt. Ein Sinnbild für die Situation der internationalen Literatur- und Veranstaltungsbranche in Zeiten des Seuchenschutzes scheint gefunden.

Die Entscheidung, das bisschen, was von der Frankfurter Buchmesse trotz Pandemie übrig geblieben ist, ohne Publikum stattfinden zu lassen, war schon in den vergangenen Tagen ruchbar geworden. Obwohl sich Buchmessendirektor Juergen Boos bis zuletzt optimistisch gab, dass wenigstens die zunächst behördlich genehmigten 450 Besucher möglich sein könnten. Schon die hätten in der Frankfurter Festhalle, die 13.500 Menschen fassen kann, gespenstisch gewirkt. Nun wird es noch gespenstischer: Nur noch Vortragende, Moderierende und eine Handvoll Technikerinnen und Techniker werden bei den auf www.buchmesse.de/live übertragenen, bis Sonntag geplanten 60 Veranstaltungen vor Ort sein.

Abseits des Messegeländes soll aber – Stand heute – auch vor Publikum gelesen werden. Die Begleitreihen „Open Book“, „Bookfest“ oder auch der „LiteraturBahnhof“ finden statt. Das Programm wurde erweitert, die Bestuhlung reduziert, Abstands- und Hygieneregeln verschärft.

Noch im Mai dieses Jahres hatte der Aufsichtsrat der Buchmesse beschlossen, dass die Messe 2020 stattfinden soll. Die Bereitschaft der Branche, sich darauf einzulassen, war überschaubar. Lediglich 750 Verlage hatten ihre Teilnahme bis Ende August angemeldet – 2019 waren es noch 7450. Anfang September schließlich zog auch die Buchmesse angesichts erneut steigender Infektionszahlen und neuer Reisebeschränkungen die Reißleine. Die traditionelle Hallenausstellung wurde abgesagt. Keine Stände also, kein Gedränge, keine Stehempfänge. Auch Kanadas Gastlandauftritt wird 2021 nachgeholt. Begegnungen mit den Neuerscheinungen des literarischen Herbstes gibt es heuer nur virtuell. Rund 4000 Aussteller präsentieren sich auf der digitalen Buchmessen-Plattform. Ob die im Vergleich mit den verlagseigenen Online-Auftritten tatsächlichen Mehrwert generiert, ist freilich fraglich. Und die Sinnhaftigkeit manch anderer Spielerei sowieso. So will der digital nachgebaute Barbereich eines bekannten Frankfurter Hotels, in dem schon so mancher Buchdeal finalisiert wurde, allen Ernstes für „Buchmessenfeeling“ sorgen. Der Weg vom Präsenz-Placebo zur Parodie ist kurz.

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Messeatmosphäre soll auch anderswo simuliert werden. Die Münchner Verlage Hanser, dtv und C. H. Beck etwa bieten auf www.buchmesse-daheim.de eigene Formate an. Den Auftakt macht heute eine Diskussion über Kriminalliteratur.

„2020 ist ein Jahr des Ausprobierens“, sagte Buchmessendirektor Boos kürzlich. Und unterstrich: „Die Buchmesse wird nicht mehr so sein, wie sie war.“ Auch das soll wohl als „Signal der Hoffnung“ verstanden werden.


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