„Nur Kinder, Küche, Kirche?“: Schön, frei, modern, sterilisiert

Die Gruppe Triebwerk7 zeigt „Nur Kinder, Küche, Kirche?“ als Stationentheater in der Schneiderwerkstatt der Ferrarischule Innsbruck.

Alica Sysoeva in der Schneiderwerkstatt der Ferrarischule Innsbruck. „Nur Kinder, Küche, Kirche?“ wird als Stationentheater realisiert.
© Sulzenbacher

Innsbruck – Die Frauen sind die Verliererinnen. Das wird gerade in Zeiten von Corona nur nochmals klarer: Mehrheitlich Frauen verrichten so genannte systemrelevante Arbeit. Mehrheitlich Frauen fallen im Home-Office in scheinbar überwundene Rollenbilder zurück. Auch in „Tutto casa, letto e chiesa“ (1977) von Dario Fo und Franca Rame sind Frauen die Leidtragenden, sie werden misshandelt, eingesperrt, unterdrückt. Aber sie holen zum Befreiungsschlag aus – und wollen keine Opfer sein.

Gerade in Anbetracht eines gesellschaftlichen Backlashes wirkt „Nur Kinder, Küche, Kirche?“, so der deutsche Titel, bis heute wegweisend. Für die Gruppe Triebwerk7 – das Nachfolgeprojekt des vor zehn Jahren gegründeten Vereins toN/Not – hat Regisseurin Julia Jenewein vier Monologe als Stationentheater inszeniert, die derzeit in der Innsbrucker Ferrarischule zu sehen sind.

Einen fulminanten Auftakt erleben die Zuseher in der Kirche, wo Carmen Gratl als getriebene „Mama Hexe“ mit ihrer Rolle als gläubige Mutter hadert. Die von Fo und Rame als überschäumende und zuweilen atemlos angelegte Groteske kann Gratl absolut überzeugend vermitteln.

Weitaus beklemmender ist dagegen der Monolog „Eine Frau allein“, der das Publikum ins Kellergewölbe führt und damit auch in einen Abgrund voll psychischer Gewalt und Unterdrückung. Tamara Burghart gibt dort die aufopfernde Hausfrau, die längst kein Individuum, sondern nur noch Sexobjekt ist. Noch drastischer wird es nur im „Monolog der Nutte“, in dem Alica Sysoeva als Prostituierte wie ein Stück Fleisch dargeboten wird, verletzt und vergewaltigt.

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Zusammengeführt werden die vermeintlichen Einzelfälle in einer herrlich absurden Abschlussszene, versammelt zum zynischen Selbstoptimierungsprozess: „Fertig! Die Lady ist bedient! Du bist schön, du bist frei, modern, begehrenswert, reizend, hygienisch, sterilisiert und sexy“, heißt es am Ende.

Ja, „Nur Kinder, Küche, Kirche?“ ist drastisch und bedingungslos, kann in seiner Überhöhung aber eine Diskussion über die drei „K“ anstoßen. Bitter nötig wäre sie.


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