„Die Entführung aus dem Serail“: Doppelt steht Mozart gut

„Die Entführung aus dem Serail“ in der Sicht von Hans Neuenfels ist zwischen Buhs und Bravos in der Wiener Staatsoper gelandet.

Lisette Oropesa – im Bild mit Emanuela von Frankenberg als ihr Double und Christian Nickel als Bassa Selim (von links) – gab als Konstanze in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ ihr Staatsoperndebüt.
© WIENER STAATSOPER

Von Stefan Musil

Wien – Die Staatsoper kommt dem 21. Jahrhundert immer näher. Die Übernahme der längst zum Klassiker avancierten, gut 22 Jahre alten „Entführung aus dem Serail“ von Hans Neuenfels aus Stuttgart war der jüngste Schritt, der für manche Wiener Operngänger schmerzvoll scheint. So buhten am Ende einige wütend in die vielen Bravos hinein.

Wobei wohl manch ältere Besucher immer noch einen „Grant“ auf Neuenfels haben, der sie mit seinem „Le Prophéte“ von Meyerbeer nachhaltig verstimmt hat. Das war im Mai 1998, nur wenige Wochen nachdem seine „Entführung“ in Stuttgart herausgekommen war.

© Wiener Staatsoper

Das Besondere an dieser Interpretation des deutschen Singspiels ist, dass Neuenfels den Sängern jeweils einen Schauspieler als Alter Ego zur Seite stellt. Nur die Sprechrolle des Bassa Selim bleibt alleine.

Auf einer Bühne auf der Bühne (Christian Schmidt) und in den fantasievollen durch die Zeiten gemixten Kostümen von Bettina Merz schüttelt auch Neuenfels das sich nur allzu oft durch hölzerne Dialoge von Musiknummer zu Musiknummern hangelnde Stück lustvoll und geistreich auf: von heiter bis spaßig, von zotig bis ernst und tieftraurig. Dazu greift er stark in den Singspieltext ein. Das tut gut. Die Doubletten wirbeln über die Bühne, wechseln sich beim Sprechen ab, geben sich sogar selbst Ratschläge. Neuenfels versagt sich platte Aktualisierungen. Er eröffnet lieber ein Panoptikum, in dessen Zentrum die Menschen von Liebe und Eifersucht, ihren Zweifeln, Vorurteilen, Freuden und Ängsten hin- und hergerissen werden. Gerade in der Verdoppelung erlebt man eine Vertiefung. Wie durch ein Kaleidoskop fächert Neuenfels das Spiel in unzähligen Facetten auf. All das hebt auch die Musik, die Arien und Ensembles, bündelt noch einmal all die Emotionen, die Mozart wie kein anderer komponiert hat.

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Das sorgt für große Momente, wenn Lisette Oropesa als Konstanze ihr heftig bejubeltes Staatsoperndebüt gibt: ein wunderbar in – an Erika Köth erinnerndem – Feinvibrato leuchtender Sopran. Eine souverän alle Klippen meisternde „geläufige Gurgel“, die auch noch voller Ausdruck zu singen versteht.

Ihr am nächsten kommt der geschmeidige und kultivierte Daniel Behle als Belmonte. Michael Laurenz gibt dem Pedrillo zumindest Kontur, während sich Regula Mühlemann herzig soubrettig, aber unauffällig als Blonde durch den Abend trällert. Viel zu leichtgewichtig fällt auch der Osmin von Goran Jurić aus. Da kann sein Schauspieldouble Andreas Grötzinger schon auffälliger punkten, so wie auch Emanuela von Frankenberg als Konstanzes lyrisches Gegenüber und Christian Nickels Bassa Selim als virile Bastion der Vernunft überzeugen.

Feinnervig und in vielen schönen Details blitzsauber aufbereitet, dirigiert der souveräne Antonello Manacorda das Staatsopernorchester. Das spült viel frischen Mozartklang durch ein altbewährtes Serail, in dem es sich jetzt sogar in Wien gut leben lässt.


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